“... Lesen schadet den Augen! ”

 

                         Glauben

    Walter von der Vogelweide (ca. 1170 – 1230)

     

    Dô gotes sun hie in erde gie,

    do versuchten in die juden ie.

    sam tâtens eines tages mit dirre frâge.

    Si frâgeten ob ir frîez leben

    dem rîche iht zinses solte geben.

    dô brach er in die huote und al ir lâge.

    Er iesch ein münizîsen,

    er sprach >wes bilde ist hie ergraben?<

    >des kaisers<, sprâchen dô die merkaere.

    dô riet er den unwîsen

    daz si den keiser liezen haben

    sîn küneges reht, und got swaz gotes waere.

     

     

    Als Gottes Sohn hier auf der Erde war

    überprüften die Juden oftmals seine Gesetzestreue.

    So kamen sie eines Tages mit der Frage

    ob sie als Freie überhaupt verpflichtet seien

    dem Reichsoberhaupt Steuerzinsen zu geben.

    Da durchbrach er ihre Unaufrichtigkeit

    erbat sich eine Münze und

    fragte:  Wessen Abbild ist hier erfasst?

    „Das des Kaiser“, sprachen die Gesetzesausleger.

    Da riet er den Verstockten

    dem Kaiser zu lassen,

    was als Kaiserrecht empfunden wird, und  Gott

    was Gott gehört.

                                                   Adaption: Erich Adler©

          *

    Angelus Silesius (Johannes Schefffler) (1624 - 1677)

    Gott lebt nicht ohne mich

    Ich weiß dass ohne mich GOtt nicht ein Nun kann leben/

    Wer’ ich zunicht Er muss von Noth den Geist auffgeben.

 

          *

    Friedrich von Logau ( 1604 – 1655)

     Glauben

     Lutherisch, Päpstisch und Calvinisch, diese Glauben alle drei

    Sind vorhanden; doch ist Zweifel, wo das Christentum dann sei.               

     Gott dient allen; wer dient jhm.

     GOtt schafft / erzeucht / trägt / speist / tränckt / labt / stärckt /                                                                                     nährt / erquickt /

    Erhält/ schenckt / sorgt beschert / vermehrt / gewehret /schickt/

    Liebt / schützt / bewahrt erlöst beschattet / benedeyt

    Schirmt / sichret / führt / regirt errettet / hilfft / befreyt /

    Erleuchtet / vnterweist / erfreut sterbt vnd erweckt /

    So / daß sich fort vnd fort sein Heil auff vns erstreckt;

    Mit allem dienstu / Gott / vns allen! ist auch wol:

    Der dir dient einer nur / vnd dient dir wie er sol?

     

 

  Geistliche Lyrik unter dem Einfluss der Jesus-Minne -   Friedrich  Spee ist aber neben              seiner    Zugehörigkeit zur Mystik auch als „Hexenbeichtvater“ bekannt geworden, der              mit einer anonymen lat. Veröffentlichung des „Gewissenspiegels der Nation“                               (cautio criminalis) auch im Klerus ein Umdenken in der leidvollen Geschichte europäischer           Hexenverfolgung  eingeleitet hat.

 

          Die gespons JESV lobet Gott      (Anm.: die Gespons = die Braut)

          bey dem gesang der Vögelein.

           1.  

          Offt morgens in der kühle

              Noch vor dem Sonnenschein,

          Wan JESV pfeil ich fühle

              Zu scharpff, vnd hitzig sein,

          Mitt frewden mich verfüge

              Zum grünen wald hinein;

          Wolt Gott nun dapffer schlüge

              Der klang der Vögelein.

           

          2.

           O Vöglein ihr ohn sorgen,

              Als newlich kam hinein,

          Ein Liedlein must euch borgen;

              Wil nu bezahlet sein.

          Nun mahnet auff zur stunde

              Den besten athem gut,

          Nun schöpfft von hertzengrunde

              Vom best gesibten blut.

           

          3.

           Mitt bester Stimm last klingen

              Den höchst- vnd besten ton:

          Durch wolcken soll sichs dringen,

              Biß zu dem Gottes thron.

          Nun da, da thuts erklingen,

              Nun da, da recht, vnd fein:

          Ja so, so müßet singen

              Jhr lautbar Vögelein.

           

          4.

           O Nachtigal du schöne!

              Verdienest rechter weiß,

          Man Dich fürnehmlich kröne

              Mitt höchstem Ehrenpreiß.

          Wie magst es je doch machen

              So sauber, glatt, vnd rund?

          Das hertzlein dir mögt krachen

              Förcht Jch, wans geht zu bunt!

           

          5.

           Thust wunder, wunder zwingen

              Den athem hundertfalt,

          Kein Vöglein ist, im singen

              So Dir die farben halt.

          Wan Dich man mercket kommen

              Offt zum gemeinen hauff,

          Fast alle gleich erstummen,

              Die Zünglein zäumens auff.

           

          6.

           Doch ietzet sie nitt schweigen,

              Nitt feyrens diser frist,

          Jetzt alle sie sich zeigen,

              Weil Gott zu loben ist.

          Keins wil nun keinem weichen,

              Sich brauchens groß, vnd klein,

          Laut spielend gehn durchstreichen

              Das frölig wäldelein.

           

          7.

           O süssigkeit der stimmen,

              Wie pfeiffens also rein!

          Jm lufft wie lieblich schwimmen

              Die fliegend psälterlein?

          Wie zierlich thuts erschallen

              Jm krauß, vnd holen holtz?

          Wil Mirs ia bas gefallen

              Als alle Músic stoltz.

            

          8.

           Die Bäumlein reich von zweigen

              Auch sangweiß sausen gan,

          Zum Gotteslob sich neigen,

              Vom Wind geblasen an.

          Die Bächlein auch nun rauschen,

              Vnd fröilg klinglen zu,

          Nitt bald den ton vertauschen,

              Bleibt gleicher klang ohn ruh.

           

          9.

           Ey wo nun seind im gleichen,

              Wo seind all menschenspil?

          Ach woltens ja nitt weichen,

              Sich sammlen eben vil:

          Ach woltens gleicher massen

              Bey diser Music sein,

          Sich auch mitt hören lassen

              Vnd sämptlich stimmen ein.

           

          10.

           O Gott was frewd im hertzen,

              Was lust ich schöpffen thät?

          Wan heut zur Prim, vnd Tertzen,

              Sext, Non, vnd Vesper späth,

          Zu wegen ich könd bringen

              Dem lieben GottesSohn,

          Vor Jhm daß mögt erklingen

              So starck gemischter ton!

           

          11.

           Her, her all jnstrumenten,

              So seind in gantzer welt,

          All Fugen, vnd Concenten

              So vil die Music zehlt:

          Her, her, all MenschenStimmen,

              Last immer, immer gan,

          Mans nie doch wird erklimmen

              O Was Gott gebüren kan.

           

          12.

           Je mehr man ihn erhoben,

              Gelobt, vnd ehret hatt,

          Je mehr man ihn zu loben

              Noch allweg lasset statt.

          Drumb spielet, vnd psalliret,

              Was ie nur spilen kan.

          Springt, lauchtzet, iubiliret,

              Lust, frewd ihm stellet an.

           

                             *

    Andreas Gryphius (1616 – 1664)

    Abend

    Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn‘,

    Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen

    Verlassen Feld und Werk, wo Tier‘ und Vögel waren

    Trau’rt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!

     

    Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn.

    Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren

    Ich, du und was man hat und was man sieht, hinfahren.

    Dies Leben kommt mir vor als eine Renne-Bahn.

     

    Laß, höchstern Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten,

    Laß mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten.

    Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir,

     

    Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen,

    Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen,

    So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu dir.

                     (1650)

                           *

    Barthold Heinrich Brockes (1680 – 1747)

    Ach HERR! eröffne mein Verständnißl

    Ach gieb mir Weisheit und Erkäntniß /

    Der Dinge Wesen zu betrachten /

    Und in denselben Dich zu achten /

    Weil alles / Dich zu ehren / lehrt.

    Nicht nur der Himmel Raum / nicht nur der Sonnen Schein /

    Nicht der Planeten Gröss' allein;

    Ein Stäubchen / ist bewunderns wehrt.                 

                 (1724)

 

      Barthold Heinrich Brockes (1680 – 1747)

       Kirschblüte bei Nacht

       Ich sahe mit betrachtendem Gemüte

      Jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte,

      In kühler Nacht beim Mondenschein;

      Ich glaubt‘, es könne nichts von größrer Weiße sein.

      Es schien, ob wär ein Schnee gefallen.

      Ein jeder, auch der kleinste Ast

      Trug gleichsam eine rechte Last

      Von zierlich-weißen runden Ballen.

      Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt,

      indem daselbst des Mondes sanftes Licht

      Selbst durch die zarten Blätter bricht,

      Sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.

      Unmöglich, dacht ich, kann auf Erden

      Was Weißers ausgefunden werden.

      Indem ich nun bald hin, bald her

      Im Schatten dieses Baumes gehe,

      Sah ich von ungefähr

      Durch alle Blumen in die Höhe

      Und ward noch einen weißern Schein,

      Der tausendmal so weiß, der tausendmal so klar,

      Fast halb darob erstaunt, gewahr.

      Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein

      Bei diesem weißen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht

      Von einem hellen Stern ein weißes Licht,

      Das mir recht in die Seele strahlte.

       

      Wie sehr ich mich an Gott im Irdischen ergetze,

      Dacht ich, hat Er dennoch weit größre Schätze.

      Die größte Schönheit dieser Erden

      Kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.

                                                                              (1727)

               *

    Johann Peter Uz (1720 – 1796)  

    Theodicee

     Mit sonnenrotem Angesichte

    Flieg ich zur Gottheit auf! Ein Strahl von ihrem Lichte

    Glänzt auf mein Saitenspiel, das nie erhabner klang.

    Durch welche Töne wälzt mein heiliger Gesang,

    Wie eine Flut von furchtbarn Klippen

    Sich strömend fort und braust von meinen Lippen!

     

    Ich will die Spötter niederschlagen,

    Die vor dem Unverstand, o Schöpfer, dich verklagen:

    Die Welt verkündige der höhern Weisheit Ruhm!

    Es öffnet Leibniz mir des Schicksals Heiligtum,

    Und Licht bezeichnet seine Pfade,

    Wie Titans Weg vom östlichen Gestade.

     

    Die dicke Finsternis entweiche,

    Die aus dem Acheron, vom stygischen Gesträuche

    Mit kaltem Grausen sich auf meinem Wege häuft,

    Wo stolzer Toren, Schwarm in wilder Irre läuft

    Und auch der Weise furchtsam schreitet,

    Oft stillesteht und oft gefährlich gleitet.

     

    Die Risse liegen aufgeschlagen,

    Die, als die Gottheit schuf, vor ihrem Auge lagen:

    Das Reich des Möglichen steigt aus gewohnter Nacht.

    Die Welt verändert sich mit immer neuer Pracht

    Nach tausend lockenden Entwürfen,

    Die eines Winks zu schnellem Sein bedürfen.

     

    Doch Dämmerung und kalte Schatten

    Gehn über Welten auf, die mich entzücket hatten:

    Der Schöpfer wählt sie nicht! Er wählet unsre Welt,

    Der Ungeheuer Sitz, die, Helden beigesellt,

    In ewigen Geschichten strahlen,

    Der Menschheit Schmach, das Werkzeug ihrer Qualen.

     

    Eh ihn die Morgensterne lobten

    Und aufsein schaffend Wort des Chaos Tiefen tobten,

    Erkor der Weiseste den ausgeführten Plan.

    Und wider seine Wahl will unser Maulwurfswahn

    In stolzer Blindheit recht behalten

    Und eine Welt im Schoß der Nacht verwalten?

     

    Von welcher Sonne lichtem Strahle

    Weicht meine Finsternis! Wie, wann aus feuchtem Tale

    Der frühe Wandersmann auf hohe Berge dringt,

    Schnell eine neue Welt vor seinem Aug entspringt,

    Und Reiz die große Weite zieret,

    Wo sich der Blick voll reger Lust verlieret.

     

    Denn Fluren, die von Blumen düften,

    Gefilde voll Gesangs und herdenvolle Triften

    Und hier kristallne Flut, vom grünen Wald umkränzt,

    Dort ferner Türme Gold, das durch die Wolken glänzt,

    Begegnen ihm, wohin er blicket.

    So wird mein Geist auf seinem Flug entzücket.

     

    Ich habe mich emporgeschwungen!

    Wie groß wird mir die Welt! Die Erde flieht verschlungen.

    Sie macht nicht mehr allein die ganze Schöpfung aus.

    Welch kleines Teil der Welt ist Rheens finstres Haus!

    Und Menschen, welche kleine Herde

    Seid ihr nur erst auf dieser kleinen Erde!

     

    Gönnt gleiches Recht auf unserm Balle

    Geschöpfen andrer Art! Ihr Schöpfer liebt sie alle.

    Die Weisheit selbst entwarf der kleinsten Fliege Glück.

    Ihr Schicksal ist bestimmt, so gut als Roms Geschick

    Und als das Leben einer Sonne,

    Die glänzend herrscht in Gegenden der Wonne.

     

    Seht, wie in ungemeßner Ferne

    Orion und sein Heer, ein Heer bewohnter Sterne,

    Vor seinem Schöpfer sich in lichter Ordnung drängt.

    Er sieht, er sieht allein, wie Sonn an Sonne hängt,

    Und wie zum Wohl oft ganzer Welten

    Ein Übel dient, das wir im Staube schelten.

     

    Er sieht mit heiligem Vergnügen

    Auf unsrer Erde selbst sich alle Teile fügen

    Und Ordnung überall, auch wo die Tugend weint;

    Und findet, wann sein Blick, was bös und finster scheint,

    Im Schimmer seiner Folgen siehet,

    Daß, was geschieht, aufs beste stets geschiehet.

     

    Die ihr ein Stück vom Ganzen trennet,

    Vom Ganzen, das ihr bloß nach euerm Winkel kennet,

    Verwegen tadelt ihr, was Weise nicht verstehn.

    O könnten wir die Welt im Ganzen übersehn,

    Wie würden sich die dunkeln Flecken

    Vor unserm Blick in größern Glanz verstecken!

     

    Soll Welten alles Böse fehlen?

    So mußte nie den Staub der Gottheit Hauch beseelen;

    Denn alles Böse quillt bloß aus des Menschen Brust.

    So muß der Mensch nicht sein: welch größerer Verlust!

    Die ganze Schöpfung würde trauern,

    Die Tugend fliehn und ihren Freund bedauern.

     

    Ihr Weisen hättet nie entzücket,

    Die ihr die Schöpfung mehr als hundert Sonnen schmücket,

    Und Ordnung herrschte nicht im Reiche der Natur,

    Die niemals flüchtig springt und stufenweise nur

    Auf ihrer güldnen Leiter steiget,

    Wo sich der Mensch auf mittlern Sprossen zeiget.

     

    Vom Wurme, der voll größter Mängel

    Auf schwarzer Erde kreucht, und vom erhabnen Engel

    Sind Menschen gleich entfernt und beiden gleich verwandt.

    Ihr freier Wille fehlt, ihr himmlischer Verstand

    Entflieget nie der engen Sphäre.

    Stets fesselt ihn des Leibes träge Schwere.

     

    In allen Ordnungen der Dinge,

    Die Gott als möglich sah, war Menschenwitz geringe.

    Der Mensch war immer Mensch, voll Unvollkommenheit.

    Durch Tugend soll er sich aus dunkler Niedrigkeit

    Zu einem höhern Glanz erheben,

    Unsterblich sein nach einem kurzen Leben.

     

    Mein Schicksal wird nur angefangen,

    Hier, wo das Leben mir in Dämmrung aufgegangen,

    Mein Geist bereitet sich zu lichtern Tagen vor

    Und murrt nicht wider den, der mich zum Staub erkor,

    Mich aber auch im Staube liebet

    Und höhern Rang nicht weigert, nur verschiebet.

 

 

        Novalis (Friedrich Freiherr von Hardenberg;  1772 – 1801)

                         XII

        Wenn in bangen trüben Stunden

        Unser Herz beinah verzagt,

        Wenn von Krankheit überwunden

        Angst in unserm Innern nagt;

        Wir der Treugeliebten denken,

        Wie sie Gram und Kummer drückt,

        Wolken unsern Blick beschränken,

        Die kein Hoffnungsstrahl durchblickt:

         

        O! dann neigt sich Gott herüber,

        Seine Liebe kommt uns nah,

        Sehnen wir uns dann hinüber,

        Steht sein Engel vor uns da,

        Bringt den Kelch des frischen Lebens,

        Lispelt Mut und Trost uns zu;

        Und wir beten nicht vergebens

        Auch für die Geliebten Ruh.

                    

                       XIV

        Ich sehe dich in tausend Bildern

        Maria, lieblich ausgedrückt,

        Doch keines von allen kann dich schildern,

        Wie meine Seele dich erblickt.

         

        Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel

        Seitdem mir wie ein Traum verweht,

        Und ein unnennbar süßer Himmel

        Mir ewig im Gemüte steht.

         

                   *

        aus: Geistliche Lieder  (entst. 1799/1800)

         

        Luise Hensel (1798 - 1876)    

        In einer Dorfkirche 

        Immer muss ich sein gedenken,

        Immer seiner Huld mich freun,

        Immer her die Schritte lenken

        Zu dem Kirchlein arm und klein.

         

        O du Wunder aller Gnade,

        Das der kleine Schrein umschließt!

        Ja, in dieser armen Lade

        Wohnt er, dem das All entfließt.

         

        O des Glückes, das der Glaube

        Seiner Gegenwart mich lehrt!

        O der Wonne, die im Staube

        Meine Seele schon erfährt!

         

        Seele, und du schaust noch trübe

        Auf die Dinge niederwärts?

        Gibt's für dich noch andre Liebe?

        Erdenfreude? Erdenschmerz?

         

        Sieh' in dieser Silberschale

        Ruht dein Gott, dein einzig Gut!

        Und du darbst beim reichsten Mahle?

        Und du frierst bei höchster Glut?

         

        Auch der kleinen Ampel Schimmer

        Mahnt dich, ganz für ihn zu glühn,

        Herz, o säumst du denn noch immer,

         Ganz in Flammen zu versprühn?

                                               Langenberg, 1856.

             *

 

        Rainer Maria Rilke  (1875 – 1926)

        Gott im Mittelalter

         

        UND sie hatten Ihn in sich erspart

        und sie wollten, dass er sei und richte,

        und sie hängten schließlich wie Gewichte

        (zu verhindern seine Himmelfahrt)

         

        an ihn ihrer großen Kathedralen

        Last und Masse. Und er sollte nur

        über seine grenzenlosen Zahlen

        zeigend kreisen und wie eine Uhr

         

        Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk.

        Aber plötzlich kam er ganz in Gang,

        und die Leute der entsetzten Stadt

         

        ließen ihn, vor seiner Stimme bangen,

        weitergehn mit ausgehängtem Schlagwerk

        und entflohn vor seinem Zifferblatt.

         

                                                                               (1907)

              *

        Reinhard Johannes Sorge (1892 – 1916)

        Gebet

        O mein Herr,

        In dein Aug

        Nimm mich auf!

        Leis dein Mund

        Zieh mich an!

        O mein Herr!

        Seufzst du auf,

        Hauche mich,

        Sinkst du tief,

        Nimm mich ein!

          *

       

      Kurt Marti (* 1921)

      wenn ich gestorben bin

      hat sie gewünscht

      feiert nicht mich

      und auch nicht den tod

      feiert DEN

      der ein gott von lebendigen ist

       

      wenn ich gestorben bin

      hat sie gewünscht

      zieht euch nicht dunkel an

      das wäre nicht christlich

      kleidet euch hell

      singt heitere lobgesänge

       

      wenn ich gestorben bin

      hat sie gewünscht

      preiset das leben

      das hart ist und schön

      preiset DEN

      der ein gott von lebendigen ist

          *

   aus: Kurt Marti, Leichenrede. Sammlung Luchterhand Darmstadt und Neuwied, 1976, S. 19

   Pfarrer Kurt Marti nach seiner schweren Erkrankung ein sehr herzliches  Dankeschön für die

   Abdruckerlaubnis und Gottes Segen – Ende August 2007.

            *

        Hans Bender (* 1919)

        Gibt es noch Engel?

        Ich hätte nichts dagegen,

        schwerelos wie sie mich zu bewegen.

        Mit ihnen zu musizieren, zu  singen.

        Mit ihnen mich schlafen  zu legen.

                             *

 

     Ich danke Hans Bender sehr herzlich für die Abdruckerlaubnis des Vierzeilers,

      - s. a.  Dichter - Handwerk - Herbst - Liebe - Mensch - veröffentlicht in:

     AKZENTE. Zeitschrift für Literatur, hrsg. von Michael Krüger Carl Hanser Verlag Juni 2008

                                           *

 

          Eva Zeller © (* 1923)

          Wer weiß

           

          Wer weiß

          ob nicht

          der Schnee

          von gestern

          heute fällt

           

          Wer weiß

          ob nicht

          mein Kinderglaube

          das letzte

          Wort behält

           

               *

         Eva Zeller, Das unverschämte Glück. Neue Gedichte, Radius Verlag Stuttgart 2006, S. 22

 

 

          Eva Zeller © (* 1923)

          Kirchenraub

           

          Bin weggegangen

          Bin hiergeblieben

          Hab dagelassen

          Hab mitgenommen

           

          aus dem Klingelbeutel

          die verlorenen Groschen

          aus dem Kerzenstummel

          den glimmenden Docht

           

          und dann den Ölzweig

          aus dem Schnabel der Taube

          Etwas zum Anfassen

          braucht unser Glaube

           

             *

    Eva Zeller, Das unverschämte Glück. Neue Gedichte, Radius Verlag Stuttgart 2006, S. 24

 

          Eva Zeller © (* 1923)

          Einspruch Euer Ehren

           

          Es ist nur so

          er hat den Mund

          zu voll genommen

           

          Was wollte er

          nicht alles

          für mich tun

          du liebe Güte

           

          Höckriges ebnen

          mich mit Rath und Tat

          mit Mutterhänden leiten

           

          mich aus viel

          tausend Nöten retten

          mir hätte es aus

          einer schon gereicht

           

          mein Arzt wollte er sein

          Nothelfer Tröster

          der ganz und gar

          in Aussicht stellt

          kein Tod solle mich töten

           

          es war zum Süchtigwerden

          so wahr ich lebe

          ich habe ihm

          aufs Wort geglaubt

           

          soll ich mich nun

          die Frage sei erlaubt

          mit weniger abspeisen

          lassen gekränkt bei

          Besserwissern und

          bei Spöttern sitzen

           

          die Arme in die Seite

          stemmen und sagen

          Einspruch euer Ehren

          wenn du nicht machst

          wie ich es will dann

          ja was dann

           

             *                                                 (ungedruckt)

 

    Der Autorin Eva Zeller für die am 26. 08. 2011 spontan zugesandten Texte, die

    freundlichen Worte zu meinem Lyrikschadchen und die Befreiung vom Copyright

    ganz herzlichen Dank.

 

 

        Horst Bingel (1933 – 2008)

        Gebetsversuch

        Auf meinem Teppich liegt

        kein Elefant.

         

        Aus meinem Garten legen

        sie aus dem Teich hin

        ter der Wand des Teehauses

        die letzten

        letzten Fische auf den Wagen

        des Metzgers über

        dem Himmel. Mei

        ster der Bäume, was

        sollen die Fische

        dir singen?

          *

 

     aus:

    Horst Bingel, Den Schnee besteuern.  Gedichte.. Hrsg. von Werner Bucher und Virgilio

    Masciadri. orte-Verlag, Oberegg AI und Zürich 2009, S. 60  -

    Frau Barbara Bingel ganz herzlichen Dankfür die Abdruckerlaubnis.

 

               Glaub’s oder glaub’s nicht - kein Copyright

 

    Else Lasker-Schüler (1869 – 1945)

    Gebet  (Ich suche allerlanden eine Stadt)

 

    Nelly Sachs (1891 – 1970)

    Schmetterling (Welch schönes Jenseits ist in deinen Staub gemalt)

 

    Marie Luise Kaschnitz (1901 - 1974)

    Auferstehung (Manchmal stehen wir auf)

 

    Paul Celan (1920-70)

    Mandorla (In der Mandel – was steht in der Mandel?)

    Psalm (Niemand knetet und wieder aus Erde und Lehm,)

     

    Reiner Kunze (* 1933)

     Zuflucht noch hinter der Zuflucht (für Peter Huchel)

     (Hier tritt ungebeten nur der wind durchs tor)

                                          

                   *

         

          Erich Adler ©  (* 1944)

          Auferstehung

          Am offenen Grab meines Onkels

          Gebet des Priesters und Segen während

          grün über uns in der Birke

          eine Amsel

          fern jeder Melancholie

          ihr Lied ins Grab fallen lässt

          - zur Ehre des Toten gekleidet - auf

          die Rosentropfen

          hinab.

                                       18.05. 2002

                                                                                                                              

          Erich Adler ©  (* 1944)

          Leises Ergebnis

          Schlag um Schlag

          meine kleine Welt

          geklippt

          und Stück um Stück

          das Seelenlaminat aneinander

           geklopft

          so lange bis jede Fuge sich

          über der Dämmung

          spurlos

          in Gott

          verliert.

                               *

                     

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