“... Lesen schadet den Augen! ”

 

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                        Eva Zeller – Gedichte (* 1923 in Eberswalde)

       

          Eva Zeller © (* 1923)

          Bibellesen

           

          Nicht daß ich es

          nur lese um es

          zu lesen

           

          Ich habe das

          unverschämte Glück

          am Tropf dieser

          Worte zu hängen.

                    *

          aus: Eva Zeller, Das unverschämte Glück. Neue Gedichte, Radius Verlag Stuttgart 2006, S. 8 

           

      Eva Zeller © (* 1923)

      Das Kind in dem ich stak

       

      Das Kind in dem ich stak

      es reicht mir bis zur Hüfte

      nimmt überhand wächst mir

      ans Herz und übern Kopf

      füllt ganz und gar den

      Horizont großäugig

      angestrahlt von warmen Kerzen

      beugt es die größere Ikone

      sich über mich spiegelt

      mir Bläue himmlische ins

      Aug zurück ich möchte mich

      auf Zehenspitzen stellen

      und wäre doch zu klein

      um es zu küssen

         *

                  aus:  Eva Zeller, Stellprobe. Gedichte. DVA Stuttgart 1989, S. 20 und 25

       

            Eva Zeller © (* 1923)

            Görzke

             

            Auf der Stelle rennende

            nackte Füße

            kreisende  Töpferscheiben

            gottähnlich behend

            schmeichelt der Meister

            die Form aus dem Ton

             

            Die alte Kunst

            Feuerofen und die

            Lasur der Vollendung

            hellklingend der

            schöne Krug der

            schöne bauchige

             

            Krug geht zu Wasser

            bis er bricht

            und wir aus

            irdenen Scherben

            Regentropfen

            schlürfen

             

                  *

                  aus:  Eva Zeller, Stellprobe. Gedichte. DVA Stuttgart 1989, S. 24

       

      Eva Zeller © (* 1923)

      Steinzeit

                         meinem Bruder Gilbert  † 1945)

       

      Schneebruch und Windwurf

      hat der Wald überstanden

      auch vorige Kriege

       

      dann machte das aller-

      letzte Gefecht ihn

      dem Erdboden gleich

       

      unser Rückzug führte

      durch seine Wipfel

      es war Winter es war

       

      Eis – es war Steinzeit

      in Fallgruben erlegt was

      aufrechten Ganges gewesen

       

      Grabbeilagen aus Knochen

      und Horn behauene Keile

      in Vogelgestalt

       

      Hätte nicht eine

      Erkennungsmarke mit

      kyrillischer Schrift

       

      in einer Höhle gelegen

      wir hätten geschworen ein

      Mammut gesehen zu haben

       

            *

                  aus:  Eva Zeller, Stellprobe. Gedichte. DVA Stuttgart 1989, S. 53

       

              Eva Zeller © (* 1923)

              Am Vorabend der Flucht

               

              Wenn es dunkel wurde

              in unserer Küche

              haben immer kleinere

              Herdringe das Feuer

              zur Glut gedrosselt

               

              Ehe die eiserne  Mitte

              sich für immer

              über der Wärme

              und Helligkeit schloß

              am Vorabend der längsten

              kältesten Nacht

              warf ich mein liebstes

              Spielzeug hinein

               

              Einen um den anderen

              der wachenden kalten Ringe

              hebe ich oft im Traum

              wieder ab und erwache

              mit rußigen Händen

                 *

        aus: Eva Zeller, Auf dem Wasser gehen. Gedichte. DVA, Stuttgart 1980, S. 34

       

      Eva Zeller © (* 1923)

      ein Geräusch

       

      Wir haben die

      Pferdehufe beschlagen

      Achsen und Schlitter-

      kufen geschmiert

      zu schwere Kisten

      mit dem Tafelsilber

      wieder abgeladen

       

      die aneinander

      gefrorenen Eis-

      schollen auf der

      Nogat knisterten

      schon und knirschten

       

      ein Geräusch wie

      beim Zahnziehn

      wenn die Wurzel

      nicht raus will

      und die örtliche

      Betäubung auch

      nicht mehr hilft

         *

      aus:

           Eva Zeller, Was mich betrifft. Gedichte und Balladen. Literarische Broschur Bd. 18    

          Verlag Sankt Michaelsbund. München 2011, S. 8

         

          Eva Zeller © (* 1923)

          Ruhe auf der Flucht

           

          (06. 01. 1945)

           

          Heute Mittag

          haben wir bei

          Schmelzwasser

          und trocken Brot

          die rotgefrorne

          Rübennase des

          Schneemanns

          gekaut der

          mit seinem

          Besenstiel

          Schlobitten

          verteidigte

                *

                                Anm.: Schlobitten =  Ort und Schloss in Ostpreußen

    aus: Eva Zeller, Was mich betrifft. Gedichte und Balladen. Literarische Broschur Bd. 18   Verlag Sankt Michaelsbund. 2011,S. 7

       

            Eva Zeller © (* 1923)

            Am westlichen Ufer der Weichsel

             

            Jede Heimat ein

            gelobtes Land

            jeder Weg dahin

            ein Pilgerpfad

            an dessen Ende

            man am liebsten

            den Boden küssen

            würde genierte

            man sich nicht

             

            Ich müsste schwimmen

            lernen zweimal in

            demselben Fluss oder

            leichter als ein Vogel

            übers Wasser rennen

            am unterspülten Ufer

            patrouillieren Reiher

            sie lauern nur auf

            Frösche manchmal

            verneigt sich einer

            vor dem andern

             

            Möwen schreien ich

            weiß nicht ob

            noch irgendjemand

            auf mich wartet

            käme ich hinüber

            man fragte mich

            nach meinem Namen

            oder öffnete die

            Tür erst gar nicht

            mein Gesicht im

            Guckloch würde

            lang und länger

            man hielte mich

            wahrscheinlich

            schon lange für

            ertrunken

                   * 

      aus: Eva Zeller, Was mich betrifft. Gedichte und Balladen. Literarische Broschur Bd. 18   Verlag Sankt Michaelsbund. München 2011, S. 12f

       

      Eva Zeller © (* 1923)

      Eden

       

      Früher hieß unser Garten garten

      Kein Mensch hätte ihn Eden genannt

       

      Am Tag vor der Vertreibung

      es schneit

      riß meine Mutter mit einer Harke

      die Eishaut über dem Rasen auf

      Die Halme müssen doch Luft kriegen

      Kommt mir denn keiner mehr helfen

      Sie drehte sich um wie Lots Weib

       

      So seh ich sie seitdem stehn

      Ein sehr deutliches Bild

      Durch ihren blauen Schatten

      auf dem Schnee

      führen Eichkatzenspuren

      Handabdrücken ähnlich

      bis zu dem Apfelbaum

      in der Mitte des Gartens

       

      Es sieht aus als sei einer

      auf Händen davongelaufen

      weil seine Füße sich weigerten

      die Flucht anzutreten

         *

      aus:Eva Zeller, Das unverschämte Glück. Neue Gedichte, Radius Verlag Stuttgart 2006, S. 63

 

 

      Eva Zeller © (* 1923)

            (für Dagmar von Mutius)

             

      Frauen bei Kriegsende

       

      Wie haben wir schlafen können

      als wir vor Hunger

      nicht schlafen konnten

      weil Brot sich in

      Steine verwandelt

       

      Wie haben wir atmen können

      als Feuer und Schwefel

      wir waren Zeugen

      vom Himmel geregnet

      wir haben gesehen

       

      Eine jede von uns Lots Weib

      - aber Lot war vermißt –

      das sich umdreht da

      unter dem Schuttberg

      da das verkohlte

       

      Salzsäulentempel wir

      senkrecht auf dem

      Geschleiften zu

      bemeißelnde Grabsteine

      lagen zuhauf

       

      gehungert

      geatmet

      gesehen

          *

                     aus:  Eva Zeller, Stellprobe. Gedichte. DVA Stuttgart 1989, S. 56

     

      Eva Zeller © (* 1923)

      an dieser Stelle

       

      auf die Trittbretter

      anfahrender Züge

      springe ich

      noch im Traum

       

      der Fahrtwind reißt

      mir deinen Namen

      von den Lippen

      und dich hinweg

       

      an dieser Stelle

      wird der Film

      wieder schwarzweiß

      und stumm

       

      kein Schnitt

      erlöst mich

           *

                  aus:  Eva Zeller, Stellprobe. Gedichte. DVA Stuttgart 1989, S. 55

       

      Eva Zeller © (* 1923)

      Nicht wiederzuerkennen

       

      Drehkräne hieven

      tonnenschwere Heroen

      von den Sockeln

      eine Weile schweben

      sie und schwanken

      drehn sich um sich selbst

      erzene Riesenmobiles

      das Drahtseil ächzt

      vielleicht reißt es entzwei

       

      bald ist der Spuk vorbei

      die eine oder andre

      der Figuren wird nicht

      wiederzuerkennen sein

      ein neuer Leib

      ein neuer Kopf

      ein fremdes Vaterland

      ein anderes Jahrhundert

       

      aus einem eingeschmolzenen

      Preußenkönig ist dann ein

      Brückenheiliger geworden

      Lenin verschiffte man

      nach Schweden wo er zu

      Gustaf Adolf umgegossen wird

      wer weiß als was

      sich Blücher der alte

      Haudegen noch outet

       

      wie verlautet ergibt

      ein andrer Held von

      echtem Schrot und Korn

      samt seinem Unterbau

      und seinem stolzen Ross

      Edelmetall die Menge

      der Schmelztiegel  kocht

      beinahe über der Sieger

      blutiger Schlachten wird

      auf einem Brunnenrand

      erscheinen als Nepomuk

       

      ein Wasserspeier als

      Nixe die statt Beine

      einen Fischschwanz hat

       

      den Unbekannten Soldaten

      einen besseren findest du nit

      hätte man stehen lassen sollen

      wo er stellvertretend für

      Millionen seit Ewigkeiten

      stand aber nein allein

      der Wechsel ist beständig

      der Gott der Eisen wachsen

      ließ der wollte keinen

      noch einmal fallen sehn

       

      ansonsten ist abstrakte

      Kunst gefragt

      stählerne Knoten

      Kugeln die durch-

      schossen sind

      halbierte Bronzebüsten

      Riesenlippenstifte

      Kinderbadewannen

      Fettstühle und

      Reliefs mit hundert

      Nägeln beschlagen

      die Köpfe drehen sich

      wie Vogelschwärme

      die Hungerkralle

      schreit zum Himmel

      und ruft um Hilfe

      und dann Arps wunder-

      bare Marmordaphne

      ein Hüftschwung nur

      nur eine Wendung

      um davonzukommen

       

      in Klammern

      Luthern ließ man stehn

      er konnte ja nicht anders

                                               (ungedruckt)

             

            Eva Zeller © (* 1923)

            Die Erschaffung des Menschen

            I

            Einmal beging er

            den Leichtsinn

            sich aufzurichten

            mit einem Grunzen und

            gesträubten Fells

            um einen Nebenbuhler

            in die Flucht zu schlagen

            als ein schönes Weibchen

            auf allen vieren

            aus einer Bodensenke kam

             

            oder mit einem Schmatzen

            weil eine Nuß

            an einem dünnen Ast

            für seinen Arm

            zu hoch hing

             

            wie immer auch

            Er hat sich aufgerichtet

            ein neuer Tätertyp

            vor dem das Filmplakat

            mich heut noch warnt

            er überbiete alle

            dagewesenen Schrecken

             

            aus:  Eva Zeller, Auf dem Wasser gehen. Gedichte. DVA, Stuttgart 1980, S. 50

                      

            Eva Zeller © (* 1923)

            Die Erschaffung des Menschen

            II

            (Michelangelo Sixtinische Kapelle)

             

            Diese Geburt

            aus der Fingerspitze

            Jeden Morgen

            möchte ich so aufwachen

            meinen Ellbogen

            aufs Knie stützen

            den Kopf drehn

            jeden Morgen

            diese Augenwende

            unter dem rissigen Himmel

             

            Mich ängstigt

            die kleine Spanne

            zwischen meinem

            und dem mir von

            weither entgegen-

            gestreckten Zeigefinger

            Millimeter nur aber

             

            ein enges Öhr

            da muß die innigere

            Auskunft hindurch

            daß mir die aller-

            treuste Pflege

            zuteil werden soll.

               *

            aus:  Eva Zeller, Auf dem Wasser gehen. Gedichte. DVA, Stuttgart 1980, S. 51

             

            Eva Zeller (* 1923)

            Nach Friedrich Spees Adventslied

             

            O Heiland reiß

            und sei’s

            einen schmalen Spalt

            die Wolken auseinander

            damit wir dieses Licht

            dem sonst kein Licht

            mehr gleichet

            aufgehen sehn

            seine Strahlen fassen

            und uns wärmen lassen

            sperrangelweit soll uns

            dein Himmel offenstehn

             

            Ohn Deinen Schein

            den schönen Morgenstern

            erblickten wir den

            Regenbogen nicht sein

            Spektrum das Vermeer

            so farbenprächtig malte

            wir könnten auch nicht

            sehen wie die Gelähmten

            wieder gehen und ihre

            Krücken in die

            Weiden hängen

             

            Herab herab

            o Gott als Tau

            der in die Sonne blinzelt

            und einen neuen Tag eräugt

            was sage ich brich

            über uns als Wolkenbruch

            herein wasch ab

            was uns hier unten

            schmutzig macht

             

            Schlag aus schlag aus

            bis alles grünt und

            sich viel schöner schmückt

            als wir es selber könnten

            schon in den Wurzeln

            ist beschlossen ob

            Glocken Becher oder Trichter

            ob blau rot oder gelb

            aus einer Knospe springt

             

            Ach komm ach komm

            wo bleibst du wo

            ich such doch so

            wie eine Frau sich

            eine Kerze zündet

            die Stube kehrt

            und den verlorenen

            Groschen sucht

            bis sie ihn findet

             

            Darum gelingt

            mir auch die

            Weltgewandtheit nicht

            anstatt mich

            in die Brust zu

            werfen werfe ich

            mich auf die Knie

                      *

       

      aus:

      Eva Zeller, Was mich betrifft. Gedichte und Balladen. Literarische Broschur Bd. 18

      Verlag Sankt Michaelsbund. 2011, S. 84f

       

      Eva Zeller © (* 1923)

      Stern über Bethlehem

       

      Müßte ich mir nicht

      beim Anblick des

      verheißungsvollen Sterns

      die Augen reiben

       

      überwältigt wie der

      Weltraumfahrer der

      schwerelos um unsre

      Erde kreist und drei-

       

      unddreißig Mal am Tag

      die Sonne aufgehn sieht

      das werte Licht

      ein neuen Schein

       

                *

      aus: Eva Zeller, Was mich betrifft. Gedichte und Balladen. Literarische Broschur Bd. 18  Verlag Sankt Michaelsbund. München 2011, S. 88

       

      Eva Zeller (* 1923)

      Wer weiß

       

      Wer weiß

      ob nicht

      der Schnee

      von gestern

      heute fällt

       

      Wer weiß

      ob nicht

      mein Kinderglaube

      das letzte

      Wort behält

       

           *

      aus: Eva  Zeller, Das unverschämte Glück. Neue Gedichte, Radius Verlag Stuttgart 2006, S. 22

       

            Eva Zeller © (* 1923)

            Sie werden lachen

             

            Sie werden lachen

            die Bibel, dies

            Sammelsurium der

            Schlitzohren und

            Opferwütigen, der

            Ehebrecherinnen und

            Gebenedeiten, der

            Judasse und derer,

            die mit ihren Tränen

            prangen dürfen.

             

            Sie werden lachen:

            die Bibel, die

            Lautschrift, um aus-

            sprechen zu können,

            wonach der Kranke

            sich müde seufzt,

            der Empörer in

            unterkellerten

            Städten.

             

            Sie werden lachen:

            die Bibel, ein Buch

            zum Verschlingen,

            Himmelherrgottnochmal,

            und ich bin

            höllisch froh,

            daß es dermaßen

            dick ist.

               *

       aus: Ein Stein aus Davids Hirtentasche. Gedichte. Herder, Freiburg u.a. 1992, S. 18

       

      Eva Zeller © (* 1923)

      Einspruch Euer Ehren

       

      Es ist nur so

      er hat den Mund

      zu voll genommen

       

      Was wollte er

      nicht alles

      für mich tun

      du liebe Güte

       

      Höckriges ebnen

      mich mit Rath und Tat

      mit Mutterhänden leiten

       

      mich aus viel

      tausend Nöten retten

      mir hätte es aus

      einer schon gereicht

       

      mein Arzt wollte er sein

      Nothelfer Tröster

      der ganz und gar

      in Aussicht stellt

      kein Tod solle mich töten

       

      es war zum Süchtigwerden

      so wahr ich lebe

      ich habe ihm

      aufs Wort geglaubt

       

      soll ich mich nun

      die Frage sei erlaubt

      mit weniger abspeisen

      lassen gekränkt bei

      Besserwissern und

      bei Spöttern sitzen

       

      die Arme in die Seite

      stemmen und sagen

      Einspruch euer Ehren

      wenn du nicht machst

      wie ich es will dann

      ja was dann                                                   (ungedruckt

 

 

            Eva Zeller © (* 1923)

            Kirchenraub

             

            Bin weggegangen

            Bin hiergeblieben

            Hab dagelassen

            Hab mitgenommen

             

            aus dem Klingelbeutel

            die verlorenen Groschen

            aus dem Kerzenstummel

            den glimmenden Docht

             

            und dann den Ölzweig

            aus dem Schnabel der Taube

            Etwas zum Anfassen

            braucht unser Glaube

             

       

      aus: Eva Zeller, Das unverschämte Glück. Neue Gedichte, Radius Verlag Stuttgart 2006, S. 24

       

              Eva Zeller © (* 1923)

              Joseph Beuys

               

              als er sich in den

              Finger schnitt

              hat er das

              Messer verbunden

               

              als er aus aller-

              geringstem Material

              eine Kreuzigung nagelte

              ein Balken eine Latte

              ein Kabel zum Schnüren

              setzte er zwei

              Rückenfiguren davor

              weiße Flaschen die

              Blutkonserven enthalten

               

              Stellprobe für

              fast so etwas

              wie Erbarmen 

       

        aus:  Eva Zeller, Stellprobe. Gedichte. DVA Stuttgart 1989, S. 10

       

            Eva Zeller © (* 1923)

            Nach Erster Korinther dreizehn

             

            I

            Wenn ich

            das Schweigen brechen könnte

            und mit Menschen-

            und Engelszungen reden

            und hätte der Liebe nicht

            so würde ich

            leeres Stroh dreschen

            und viel Lärm machen

            um nichts.

             

            II

            Und wenn ich wüßte

            was auf uns zukommt

            und könnte alle Situationen

            im Simulator durchspielen

            und den Winkel errechnen

            unter dem ich umkehren könnte

             

            und ließe mich nicht einfangen

            vom Schwerefeld der Liebe

            so schösse ich

            übers Ziel hinaus

            und alle Reserven

            nützten mir nichts

             

            III

            Und wenn ich

            bei dem Versuch zu überleben

            mein Damaskus hätte

            und fände mich selbst

            über alle Zweifel erhaben

            auf dem Pulverfaß sitzend

            wie in Abrahams Schoß

             

            und hätte die Liebe nicht

            als eiserne Ration

            hinübergerettet

            so fiele ich

            auf meinen bergeversetzenden

            Glauben herein

             

            IV

            Und wenn ich

            alle meine Habe den Armen gäbe

            daß meine linke Hand nicht wüsste

            was die rechte tut

            und ich ginge nicht

            zur Tagesordnung über

            sondern wäre der Spielverderber

            und die lebende Fackel

             

            und erklärte mich nicht

            solidarisch mit der Liebe

            so hätte ich im Ernstfall

            Steine statt Brot

            und Essigschwämme

            für den Durst des Menschen

             

            V

            Die Liebe ist lächerlich

            Sie reitet auf einem Esel

            über ausgebreitete Kleider

            Man soll sie hochleben lassen

            mit Dornen krönen

            und kurzen Prozeß mit ihr machen

            Sie sucht um Asyl nach

            in den Mündungen unserer Gewehre

            Eine Klagesache von Weltruf

            Immer noch

            schwebt das Verfahren

             

            VI

            Sie stellt sich nicht ungebärdig

            sondern quer zur Routine der Machthaber

            Die Behauptung

            sie ließe sich nicht erbittern

            hat sie im Selbstversuch

            eindrücklich bestätigt

            Sie ballt nicht die Faust

            Sie steigt nicht herab

            Sie hilft sich nicht selbst

             

            Sie dient als Kugelfang

             

            VII

            Sie freut sich nicht

            über die Ungerechtigkeit

            Sie ergreift Partei

            für die Ausgebeuteten

            Daher ist es lebensgefährlich

            sich mit ihr einzulassen

            Sie könnte nämlich

            Bewußtsein bilden

            und den Lauf der Dinge

            durchkreuzen

            Also üben dir ihre Vermeidung

            Tuchfühlung nur mit ihrem ungenähten Rock

            dem durch und durch gewirkten

            um den wir würfeln

            bis zum dreimal krähenden Morgen

             

            VIII

            Was ich zuwege bringe

            sie ist nicht produzierbar

            die Liebe

            in keiner Retorte zu züchten

            und schon gar nicht

            auszumendeln

            und aus der Welt zu schaffen

            Sie ist ein Skandal

            geboren

            bezeugt

            in Beweisnot geraten

            verurteilt

            gestorben

            begraben

            in Strahlung zerfallen

             

            IX

            Die Liebe hört nicht auf

            mich zu verunsichern

            Sie findet Fugen zum Eingreifen

            wo ich keine vermute

            Sie überredet mich

            in der Muttersprache des Menschen

            Sie öffnet mir die Augen

            und tritt als Sehnerv ein

            An dieser Stelle ist der blinde Fleck

            Und ich sollte nicht

            mit der Wimper zucken?

             

            X

            Wir sehen jetzt den Text

            nicht fettgedruckt

            sondern unleserlich

            im Kontext beweglicher Leuchtschrift

            der an- und ausgeht

            Wir sind in unserm Element

            im Zustand der fressenden Larve

            und können nur hoffen

            bis in die Verpuppung zu kommen

            in den durchsichtigen Kokon

            in dem wir zu erkennen sind

             

            XI

            Nun aber bleibt

            Glaube Liebe Hoffnung

            diese drei

            Aber die Liebe

            ist das schwächste

            Glied in der Kette

            die Stelle

            an welcher

            der Teufelskreis

            bricht

             

             *

            aus dem frühsten Gedichtband der Autorin:

            Eva Zeller, Sage und Schreibe. Gedichte. DVA, Stuttgart 1971, S. 68-78

                        

       

                Eva Zeller © (* 1923)

                Nachtigall

                 

                Wenn das Gebüsch

                dicht genug ist

                der Frühblüher Weißdorn

                Flieder Holunder

                ist sie eines Abends

                zur Sternstunde da

                selten zu sehen noch

                seltener zu hören

                 

                Eine Solistin die

                Afrikas Sonne noch

                in der Stimme hat

                den warmen Sound

                das lyrische Timbre

                aus voller Kehle tiri-

                lieren intonieren

                skandiert vom Schnarrwerk

                der Mücken und Schaben

                 

                Dem Vernehmen nach

                soll sie letzte Nacht

                schluchzend einen

                Sterbenden abberufen

                haben der mehr als

                genug gelitten hatte

                 

                Ob sie nächstes Jahr

                wieder zu hören ist?

                Nachtigallenzungen

                sind eine Delikatesse

                        *

      aus Eva Zeller, Das unverschämte Glück. Neue Gedichte, Radius Verlag Stuttgart 2006, S. 75

                 

      Eva Zeller © (* 1923)

      Der Dichter

       

      Sein Erbteil

      ist durch Inflation entwertet

      Sang- und klanglos

      lernt er

      jedes Wort im Munde

      umzudrehn

       

      Sprache

      leistet den Offenbarungseid

      und gibt nach bestem Wissen

      und Gewissen preis

      was alles ihr

      nach dem Bankrott

      noch zur Verfügung steht

         *

       

      Eva Zeller © (* 1923)

      Was Gedichte sind

       

      Von der Hoffnung

      hereingelegte Worte

       

      Veröffentlichte

      Ängste. Aller-

       

      närrischste Unter-

      schriftensammlung

       

      gegen den Tod

              *

        aus: Eva Zeller, Auf dem Wasser gehen. Ausgewählte Gedichte. DVA Stuttgart 1979, S. 9f

       

          Eva Zeller © (* 1923)

          Die Nerve

           

          In einer dieser

          selbstvergessenen

          Sekunden wenn die

          Worte schon

          eh sie gedacht

          dastehn und

          den Ton angeben

           

          scherte der Dichter

          an seinem Stehpult

          sich nicht um die

          Grammatik vertauschte

          einfach die Artikel

          und schrieb anstatt

           

          der Nerv

          die Nerve

           

          ein Wort

          das es nicht gibt

          eins das klingt

          als halte man

          die Stimmgabel

          ans Ohr und horche

           

          auf das Geflüster

          der liebevollen Beiden

          von Erdenglück

          von Engelsarmen

          und nicht zuletzt

          von Leiden wahrlich

          zum Gotterbarmen

       

                                                    zu  Goethes Liebesgedicht an Frau von Stein

                                                                                            (ungedruckt)

      Eva Zeller © (* 1923)

      Unkenrufe

       

      Am Tag den man den

      jüngsten nennt wird man

      stelle ich mir vor

      uns alle vor dem fest-

      verschlossenen Tor in

      zwei Gruppen unterteilen

      in Leute mit Leichen-

      bittermienen die

      ihre Fäuste ballen

      und in Gefügige die

      halbwegs einverstanden sind

      und nicken

       

      Leibesvisitation

      beschlagnahmt werden

      Handys Uhren Ringe Pässe

      Verborgenes aus Kleidersäumen

      Eingeflochtenes aus Zöpfen

      Blinde müssen ihre Brillen

      überlassen Lahme ihre Stöcke

      selbst aus den Augen

      wischt man unsre Tränen

      auch wer zur Nacht geweinet

      braucht sie hier nicht mehr

       

      Niemand in dem Durcheinander

      merkt mein letztes Hemd

      hat Taschen rechts für

      einen Bleistiftstummel

      links für einen Zettel

      oder umgekehrt

      ich muß um jeden Preis

      verbessern was ich

      diese Nacht noch zu

      Papier gebracht und

      sei es nur ein Wort

      austauschen ein andres

      streichen hinterbliebene

      Reime auf die Goldwaage , , ,

       

      bei meiner Seel ich war

      nicht aufmerksam genug

      nicht zu erschüttert

      auch wurde ich beim

      Schreiben oft gestört

      durch Unkenrufe

      mit Grabesstimme

      riefen sie dein

      letztes Hemd

      hat keine Taschen

         *

      aus:

      Eva Zeller, Was mich betrifft. Gedichte und Balladen. Literarische Broschur Bd. 18

      Verlag Sankt Michaelsbund. 2011, S. 78f

               

              Eva Zeller © (* 1923)

              Aber ich schreibe

               

              aber ich schreibe

              ja  heute mit

              sich windenden

              Buchstaben als

              ob Papier ge-

              duldig wäre

                   *

                     aus: Ein Stein aus Davids Hirtentasche. Gedichte. Herder, Freiburg u.a. 1992, S. 45

       

 

      Der Autorin Eva Zeller für Ihre freundlich rasche Antwort vom 26. 08. 2011,

      die Abdruckerlaubnis hier auf der Homepage, die Zusendung des Fotos wie mehrerer,

      z. T. auch ungedruckter Gedichte ganz herzlichen Dank.  

       

 

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