“... Lesen schadet den Augen! ”

            

                                           Motivkreis Wein

       

            Johann Wolfgang Goethe (1749 – 1832)

            In Jena weiĂź man viele Sachen,

            nur nicht aus Essig Wein zu machen.

          Johann Wolfgang Goethe (1749 – 1832)

           IM HERBST 1775

          (späterer Titel 1789 Schriften: Herbstgefühl)

           

          Fetter grĂĽne, du Laub,

          Das Rebengeländer,

          Hier mein Fenster herauf.

          Gedrängter quillet,

          Zwillingsbeeren, und reifet

          Schneller und glänzend voller.

          Euch brĂĽtet der Mutter Sonne

          Scheideblick, euch umsäuselt

          Des holden Himmels

          Fruchtende FĂĽlle.

          Euch kĂĽhlet des Monds

          Freundlicher Zauberhauch,

          Und euch betauen, ach,

          Aus diesen Augen

          Der ewig belebenden Liebe

          Voll schwellende Tränen.

           

                     *

               Johann Wilhelm Ludwig Gleim  (1719 – 1803)

              Trinklied

              Seht den jungen Bacchus an!

              Seht doch, wie er trinken kann!

              Seht, die Augen, die Gebärden

              Sollen unsre Muster werden,

              Wenn die Gläser, voll von Wein,

              Aug und Herz und Geist erfreun.

               

              Treue BrĂĽder, laĂźt euch raten!

              Tut doch, was die Alten taten,

              Gebt Verdiensten ihren Lohn,

              Krönet diesen Bacchussohn,

              DaĂź die Tugend auf der Erde,

              Lieblich und erkennet werde!

               

              Den die Weisheit sichtbar schmĂĽckt,

              Der sich doch zum Bacchus schic

              Den man sieht sein Amt verwalte

              Und des Abends Picknick halten,

              Der noch nie bestrafet ist,

              Weil man ihn dabei vermiĂźt;

               

              Der noch keinen Trunk vermiede

              Der sich selbst dazu beschieden,

              Den kein voller Römer schreckt,

              Dem der Wein am besten schmec

              Der verdient zum rechten Lohne

              Von den BrĂĽdern eine Krone.

               

              BrĂĽder, seht den Bruder an,

              Wie der Bruder trinken kann!

              Unter allen Bacchussöhnen

              uß man ihn zum König krönen;

              BrĂĽder, ja, er muĂź es sein:

              Seht, er schenkt schon wieder ein.

               

                                 *

              Johann Wilhelm Ludwig  Gleim (1719 – 1803)

              Bacchus und Cythere

              Soll ich trinken oder kĂĽssen ?

              Hier winkt Bacchus, dort Cythere.

              Beide winken, beide lächeln,

              Bacchus mit gesetzten Mienen

              Und Cythere mit verliebten.

              Bacchus zeigt mir seine Reben;

              Seht, sie sinken, schwer von Trauben!

              Aber seht nur, dort im Schatten,

              Dort im Schatten, unter Reben,

              Liegt ein Mädchen lang gestrecket!

              Seht, es schläft, es lächelt schlafend,

              Und es lächelte Cythere

              Nicht so reizend, als sie winkte.

              O wie sĂĽĂź mag es nicht schlummern!

              O wie reizend liegt das Mädchen!

              Um den weiĂźen regen Busen

              Hangen schwarze reife Trauben,

              Und es glänzen um den Locken,

              Um den rabenschwarzen Locken,

              Goldne Blumen in den Schatten.

              Weingott, winke nur nicht länger;

              Denn ich muss erst, bei dem Made

              Unter deinen Trauben schlummern.

                    *

      Hölderlin (1770 – 1843)

      Wenn nämlich der Rebe Saft...

       

      Wenn nämlich der Rebe Saft,

      Das milde Gewächs, suchet Schatten

      Und die Traube wachset unter dem kĂĽhlen

      Gewölbe der Blätter,

      Den Männern eine Stärke,

      Wohl aber duftend den Jungfraun,

      Und Bienen,

      Wenn sie, vom Wohlgeruche

      Des FrĂĽhlings trunken, der Geist

      Der Sonne rĂĽhret, irren ihr nach

      Die Getriebenen, wenn aber

      Ein Strahl brennt, kehren sie

      Mit Gesumm, vielahnend

        darob

        die Eiche rauschet,                             

                                         aus: Hymnische EntwĂĽrfe)

                       *

Justinus Kerner  (1786 – 1862)

Wein

Tränen weint die arme Rebe,

und der Lenz brach doch heran.

Arme, hat der schlimme Winter,

dir ein Leid wohl angetan?

 

Nicht vor Schmerzen, spricht die Rebe,

wein ich, nein, vor Lust bewegt,

weil ich fĂĽhle, wie die BlĂĽte

sich in meinem Innern regt.

 

Tränen weinet eine Mutter,

die auch Wonnetränen sind,

die zum ersten Male fĂĽhlet

in sich ihrer Liebe Kind.

 

               *

Justinus Kerner  (1786 – 1862)

Wanderlied  

Wohlauf noch getrunken!

Den funkelnden Wein!

Ade nun ihr Lieben!

Geschieden muss sein.

Ade nun, ihr Berge,

Du väterlich Haus!

Es treibt in die Ferne

mich mächtig hinaus.

 

Die Sonne, sie bleibet

Am Himmel nicht stehn,

es treibt sie, durch Länder

und Meere zu geh.

Die Woge nicht haftet

Am einsamen Strand,

die StĂĽrme, sie brausen

mit Macht durch das Land.

 

 Mit eilenden Wolken

Der Vogel dort zieht,

und singt in der Ferne

ein heimatlich Lied.

So teeibt es den Burschen

Durch Wälder und Feld,

zu gleichen der Mutter,

der wandernden Welt.

 

Da grüßen ihn Vögel,

bekannt ĂĽerm Meer,

sie flogen von Fluren

der Heimat hierher;

da duften die Blumen

vertraulich um ihn,

sie trieben vom Lande

die LĂĽfte dahin.

 

Die Vögel, die kennen

sein väterlich Haus;

die Blumen einst pflanzt’ ewr

der Liebe zum StrauĂź;

und Liebe, die folgt ihm,

sie geht ihm zur Hand:

so wird ihm zur Heimat

das ferneste Land.

               *

          Theodor Körner (1791 – 1813)

          Trinklied

          Kommt, BrĂĽder, trinket froh mit mir!

          Seht, wie die Becher schäumen!

          Bei vollen Gläsern wollen wir

          Ein Stündchen schön verträumen.

          Das Auge flammt, die Wange glĂĽht,

          In kühnen Tönen rauscht das Lied;

          Schon wirkt der Götterwein,

            Schenkt sein!

           

          Doch was auch tief im Herzen wacht,

          Das will ich jetzt begrĂĽĂźen.

          Dem Liebchen sei dies Glas gebracht,

          Der Einzigen, der SĂĽĂźen!

          Das höchste Glück für Menschenbrust,

          Das ist der Liebe Götterlust;

          Sie trägt euch himmelan.

            StoĂźt an!

           

          Ein Herz, im Kampf und Streit bewährt

          Bei strengem Schicksalswalten,

          Ein freies Herz ist Goldes wert,

          Das mĂĽsst ihr fest erhalten.

          Vergänglich ist des Lebens Glück.

          Drum pflĂĽckt in jedem Augenblick

          Euch einen StrauĂź!

            Trinkt aus!

           

          Jetzt sind die Gläser alle leer;

          FĂĽllt sie noch einmal wieder!

          Es wogt im Herzen hoch und her;

          Ja, wir sind alle BrĂĽder,

          Von einer Flamme angefacht!

          Dem deutschen Volke sei’s gebracht,

          Auf dass es glĂĽcklich sei

            Und frei!

                         *

        Heinrich Heine ( 1797 – 1856)

         

        Die Flaschen sind leer, das FrĂĽhstĂĽck war gut,

        Die Dämchen sind rosig erhitzet.

        Sie lĂĽften das Mieder mit Ăśbermut,

        Ich glaube, sie sind bespitzet.

         

        Die Schulter, wie weiĂź, die BrĂĽstchen wie nett!

        Mein Herz erbebet vor Schrecken.

        Nun werfen sie lachend sich aufs Bett

        Und hĂĽllen sich ein mit den Decken.

         

        Sie ziehen nun gar die Gardinen vor,

        Und schnarchen am End’ um die Wette.

        Da steh’ ich im Zimmer, ein einsamer Tor,

        betrachte verlegen das Bette.

                             *

            Rudolf Baumbach (1840 – 1905)

            Lacrimae Christi

            Es war in alten Zeiten

            ein schwäbischer Fiedelmann,

            der kräftig strich die Saiten

            und lustige Mären spann.

             

            Mit Friederich dem Andern

            ins Welschland zog er ein,

            und kostete im Wandern

            von einem jeden Wein.

             

            Und als auf seinem Zuge

            er nach Neapel kam,

            quoll ihm aus irdnem Kruge

            ein Tropfen wundersam.

             

            Er trank mit durst'gem Munde

            und rief den Wirt herbei:

            «Viellieber, gebt mir Kunde,

            was fĂĽr ein Wein das sei.

             

            Er rinnt mir altem Knaben

            wie Feuer durchs Gebein;

            von allen Gottesgaben

            muss das die beste sein.»

             

            Der dicke Kellermeister

            gab ihm die Auskunft gern:

            «Lacrimae Christi heißt er,

            denn Tränen sind's des Herrn.»

             

            Da ĂĽberkam ein Trauern

            den fremden Fiedelmann;

            er dachte an den Sauern,

            der in der Heimat rann.

             

            Und betend sank er nieder,

            den Blick emporgewandt:

            „Herr, weinst du einmal wieder,

            so wein im Schwabenland!“

                     *

 

       Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)

      An Hafis

      Trinkspruch: Frage eines Wassertrinkers

       

      Die Schenke, die du dir gebaut,

         ist größer als jedes Haus,

      die Tränke, die du drin gebraut,

         die trinkt die Welt nicht aus.

      Der Vogel, der einst Phönix war,

         der wohnt bei dir zu Gast,

      die Maus, die einen Berg gebar,

         die — bist du selber fast!

       

      Bist alles und keins, bist Schenke und Wein,

         bist Phönix, Berg und Maus,

      fällst ewiglich in dich hinein,

         fliegst ewig aus dir hinaus—

      bist aller Höhen Versunkenheit,

         bist aller Tiefen Schein,

      bist aller Trunknen Trunkenheit

      — wozu, wozu dir — Wein ?

            *

Detlev von Liliencron (1844 – 1909)

Im Biwack

Das Feuer knistert und die Becher klirren,

Dass in die Arme sank der Nacht die Welt;

Gedanken, ohne Steg und Steuer, irren,

Bis in die Palmenbucht der Anker fällt.

Manch Wort und Witz, die hin und gegen schwirren,

Verweht der Wind, begräbt das stille Feld.

Ein letzter Trunk, und schon in Traumeswirren

Tönt mir ein ferner Postenruf ins Zelt.

                     *

 

        Baudelaire (1821 – 1867) – Umdichtungen  Stefan George (1868 – 1933)

        aus dem Zyklus: Die Blumen des Bösen (1918)

         

        CXXVIII

        DIE SEELE DES WEINES

        Des weines geist begann im fass zu singen:

        Mensch teurer Ausgestossener  dir soll

        Durch meinen engen kerker durch erklingen

        Ein lied von licht und bruderliebe voll.

         

        Ich weiss: am sengendheissen bergeshange

        Bei schweiss und mĂĽhe nur gedeih ich recht

        Da meine seele ich nur so empfange

        Doch bin ich niemals undankbar und schlecht.

         

        Und dies bereitet mir die grösste labe

        Wenn eines arbeit-matten mund mich hält

        Sein heisser schlund wird mir zum sĂĽssen grabe

        Das mehr als kalte keller mir gefällt.

         

        Du hörst den sonntagsang aus frohem schwärme?

        Nun kehrt die hoffnung prickelnd in mich ein:

        Du stülpst die ärmel stützest beide arme

        Du wirst mich preisen und zufrieden sein.

         

        Ich mache deines weibes augen heiter

        Und deinem sohne leih ich frische kraft

        ich bin fĂĽr diesen zarten lebensstreiter

        Das öl das fechtern die gewandtheit schafft.

         

        Und du erhältst von diesem pflanzenseime

        Das Gott der ewige sämann niedergiesst

        Damit in deiner brust die dichtung keime

        Die wie ein seltner baum zum himmel spriesst.

         

                         *

        CXXIX

        DER WEIN DER BETTLER

         Oft kommt bei einer laterne rotem glanze

        Beim rasseln des glases  der flamme zuckendem tanze

        In alter vorstadt irrgängen dumpf und feucht

        Darin in stürmischer gährung die menschheit keucht:

         

        Ein bettler des weges der mit dem kopfe schĂĽttelt

        Der wie ein dichter an mauern rennt und rĂĽttelt

        Er nimmt auf die spähenden Wächter keine acht

        Ergiesst sein herz in eingebildeter macht 

         

        Erhabne gesetze gebend und eide schwörend

        Die bösen vernichtend die schuldlosen opfer erhörend

        Der himmel ist ĂĽber ihm wie ein throndach geschmĂĽckt

        Er ist von dem glanz seiner eigenen würden entzückt —

         

        Ja diese leute von häuslichen sorgen gepeinigt

        Vom alter gemartert und von der arbeit gesteinigt 

        Entkräftet unter dem haufen von trümmern geneigt

        Ein wĂĽstes gewĂĽhl das der riesigen Stadt entsteigt:

         

        Sie kehren mit ihren gefährten in kriegen gemagert

        ZurĂĽck und ein fassgeruch ĂĽber den ziehenden lagert

        Wie fetzen von alten fahnen hängt ihr bart -

        Die banner die blumengeschmĂĽckten bogen der fahrt

         

        Erheben sich vor ihnen in festlichem jubel

        Sie bringen in glänzendem und betäubendem trubel

        Von sonne von waffen von pauken und stimmengebraus

        Dem liebetrunkenen volke die ehre nach haus . .

         

        So rollt durch die völker  die schwelger in heitren genĂĽssen

        Der wein sein gold dahin in blendenden flĂĽssen.

        Er singt in der kehle des menschen was er schon vollbracht

        Und mit seinen gaben erwirbt er sich fĂĽrstliche macht -

         

        Den gleichmut zu wiegen und zu verscheuchen den kummer

        Erfand der Herr von reue erfasst den sichlummer

        Für all die verwünschten die nah an den gräbern sind -

        Der mensch fand den wein der sonne geheiligtes kind.

            

        CXXXI

        DER WEIN DES EINSAMEN

        Der sonderbare blick der leichten frauen

        Der auf uns gleitet wie das weisse licht

        Des mondes auf bewegter wasserschicht

        Will er im bade seine schönheit schauen

         

        Der lezte thaler an dem spielertisch

        Ein frecher kuss der hageren Adeline

        Erschlaffenden gesang der violine

        Der wie der menschheit fernes qualgezisch -

         

        Mehr als dies alles schätz ich tiefe flasche

        Den starken balsam den ich aus dir nasche

        Und der des frommen dichters mĂĽdheit bannt.

         

        Du giebst ihm hoffnung liebe jugendkraft

        Und stolz  dies erbteil aller bettlerschaft

        Der uns zu beiden macht und gottverwandt

         

         

        CXXXII

        DER WEIN DER LIEBENDEN

        Prächtig ist heute die weite

        Stränge und sporen beiseite

        Reiten wir auf dem wein

        In den feeenhimmel hinein!

         

        Engel fĂĽr ewige dauer

        Leidend im fieberschauer

        Durch des morgens blauen kristall

        Fort in das leuchtende all!

         

        Wir lehnen uns weich auf den flĂĽgel

        Des windes der eilt ohne zĂĽgel.

        Beide voll gleicher lust

         

        Lass schwester uns brust an brust

        Fliehn ohne rast und stand

        In meiner träume land!

                           *

 

            Johannes Trojan (1837 – 1915)

            Der böse Wein

             

            Das ist der Trank, gemacht aus Beeren,

            Die sonst wir als Compot verzehren,

            Der Busch-, der Strauch-, der Blaubeer-Wein,

            Bei dem muss man nach Hilfe schrein.

            Das ist der Wein von der Sierra,

            Die hoch sich hinzieht an der Werra,

            Wenn er nicht wuchs auf dem Plateau

            Der Uckermark, frei, frisch und froh.

            Das ist der Wein im Höllenrachen

            Gekeltert aus der Milch von Drachen,

            Mit Zusatz von Petroleum –

            Das ist der Wein, der um und um

            Den Magen stĂĽlpt mit ungeheuren

            Und niemals sonst erhörten Säuren.

             

                         *

      Johannes Trojan (1837 – 1915)

      Der unzufriedene Zecher

       

      Der Kutscher ist so sauer,

      Mir gar nit mehr gefällt;

      Der Bessre auf die Dauer

      Geht mir zu stark ins Geld.

      Zu theuer ist der Wein,

      Die Schoppen sind zu klein!

      Ganz anders muss es werden,

      Soll Deutschland einig sein.

       

      Es häufen sich Beschwerden,

      Dass schlecht wird das Getränk.

      Was soll daraus noch werden?

      Mir graut, wenn ichs bedenk.

      Wie soll die Freiheit blĂĽhn,

      Macht uns der Wein nicht kĂĽhn?

      Ich habs dem deutschen Kanzler

      Geschrieben nach Varzin.

       

      Reichstag und Landtag tagen

      Doch sicherlich genug;

      Sie scheinen nicht zu fragen

      Nach dem, was recht und klug.

      Sonst war' ihr Erstes das,

      Zu sorgen fĂĽr das Nass:

      Dass billger werd' und besser

      Der Wein in Fass und Glas.

       

      Ich hab im WeltgetĂĽmmel

      Verfehlet den Beruf,

      Dieweil dass mich der Himmel

      Zum Millionär erschuf.

      Den Durst hab ich dazu,

      Dass ich viel Geld verthu;

      Das Geld nur fehlt mir leider,

      Dass lägst mir keine Ruh!

       

      Auch macht mir Kummer Eines

      Und ist nicht wohlgethan:

      Die werth sind besten Weines,

      Dass die den Wein nicht han.

      Es wächst manch guter Wein

      Am Rhein und auch am Main:

      Den trinken schlechte Leute,

      Das macht mir grosso Pein.

       

      Wohl einen Börsenfürsten

      Möcht ich zum Freunde han;

      Bei meinen starken DĂĽrsten,

      Wie wär mir wohlgethan'.

      Dess freute sich mein Blut,

      Das gäb mir frischen Muth:

      Mit dem wollt' ich verschlemmen

      Sein Hab und all sein Gut.

       

      Das gäb' ein scharfes Zechen

      Im Wirthshaus frank und frei;

      Das gäb' ein hitzig Stechen

      In trunkhaftem Turnei.

      Verzehrt wĂĽrd StĂĽck vor StĂĽck,

      Was ihm bescheert sein GlĂĽck;

      Nur ein Lokomotive

      Behielten wir zurĂĽck.

       

      Drauf schwängen mein Geselle

      und ich uns keck empor

      und führen drauf zur Hölle

      Grad mitten durch das Thor.

      Das gäb 'neu tüchtgen Stoß,

      Der Jubel wäre groß.

      Hurrah, ihr schwarzen Schufte,

      Jetzt gehts hier unten los!

       

          *

                   Hugo von Hofmannsthal (1874 - 1929)

            Die Beiden (1896)

            Sie trug den Becher in der Hand

            -Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand-,

            So leicht und sicher war ihr Gang,

            Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

             

            So leicht und fest war seine Hand:

            Er ritt auf einem jungen Pferde,

            Und mit nachlässiger Gebärde

            Erzwang er, dass es zitternd stand.

             

            Jedoch, wenn er aus ihrer Hand

            Den leichten Becher nehmen sollte,

            So war es beiden allzu schwer:

            Denn beide bebten sie so sehr,

            Dass keine Hand die andre fand

            Und dunkler Wein am Boden rollte.

                    *

 

        Georg Trakl (1887 – 1914)

        Ballade

        Ein Narre schrieb drei Zeichen in Sand,

        Eine bleiche Magd da vor ihm stand.

        Laut sang, o sang das Meer.

         

        Sie hielt einen Becher in der Hand,  '

        Der schimmerte bis auf zum Rand,

        Wie Blut so rot und schwer.

         

        Kein Wort ward gesprochen - die Sonne sch-w

        Da nahm der Narre aus ihrer Hand

        Den Becher und trank ihn leer.

         

        Da löschte sein Licht in ihrer Hand,

        Der Wind verwehte drei Zeichen im Sand -

        Laut sang, o sang das Meer.

                     *

        Georg Trakl (1887 – 1914)

        Abend in Lans

           2. Fassung

        Wanderschaft durch dämmernden Sommer

        An BĂĽndeln vergilbten Korns vorbei. Unter getĂĽnchten Bogen,

        Wo die Schwalbe aus und ein flog, tranken wir feurigen Wein.

         

        Schön: o Schwermut und purpurnes Lachen.

        Abend und die dunklen DĂĽfte des GrĂĽns

        KĂĽhlen mit Schauern die glĂĽhende Stirne uns.

         

        Silberne Wasser rinnen ĂĽber die Stufen des Walds,

        Die Nacht und sprachlos ein vergessenes Leben.

        Freund; die belaubten Stege ins Dorf.

                                     (1913)

 

                   Ob nĂĽchtern, ob trunken - kein Copyright:

 

Hermann Hesse (1877 – 1962)

Falter im Wein

(In meinen Becher mit Wein ist ein Falter geflogen)

 

Paul Celan (1920 – 1970)

Bei Wein und Verlorenheit, bei/  beider Neige ( 1959)

 

Franz Josef Degenhardt (* 1931)

Ich möchte Weintrinker sein/ mit Kumpanen abends vor der Sonne sitzen

 

Robert Gernhardt (1937 – 2006)

Wein und Zeit (Warm preist ihr mir den alten Wein)

      

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