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Hans Sachs ( 1494 - 1576 )
Die Gefangenen klagen
O Herre Gott, laĂ dich erbarmen
Unser Ellend - gefangen, armen,
ErwĂŒrgen sechs wir unser Kinder,
Genummen sind uns Schaf und Rinder,
Haus unde Hof ist uns verbrennt,
Und wir gefĂŒhrt in das Ellend.
Weh daĂ uns unser Mutter trug,
Erst mĂŒĂ wir ziehen in dem Pflug
Und Gersten essen, wie die Pferd,
Mit unserm Munde von der Erd.
Kumm, grimmer Tod, und uns erlös
Von dem grausamen TĂŒrken bös.
Unbekannter Verfasser
Stoss-Seufzer
Unser liebe Fraue
Vom kalten Brunnen
Bescher uns armen Landsknecht
Eine warme Sunnen
DaĂ wir nit erfrieren.
Wol in des Wirtes Haus
Trag wir ein vollen SĂ€ckel
Und ein leeren wieder aus.
Die Schlacht vor Pavia
Herr Görg von Frosperg,
Herr Görg von Frosperg,
Der hat die schlacht vor Pavia gewunnen,
Gewunnen hat er die Schlacht vor Pavia in ein Tiergart,
In neuthalben Stunden gewunnen Land und Leut.
Der König aus Frankreich,
Der König aus Frankreich,
Der hat die Schlacht vor Pavia verloren,
Verloren hat er die Schlacht vor Pavia in ein Tiergart,
In neuthalben Stunden verlor er Land und Leut.
Im Blut muĂten wir gan,
Im Blut muĂten wir gan,
Bis ĂŒber, bis ĂŒber die Schuch:
Barmherziger Gott, erkenn die Not!
Barmherziger Gott, erkenn die Not!
Wir mĂŒssen sonst verderben also.
Lermen, lermen, lermen,
Lermen, lermen, lermen!
TĂ€t uns die Trummel und die Pfeifen sprechen;
Her, her, her, ihr frummen teutschen Landsknecht gut!
LaĂt uns in die Schlachtordnung stan,
LaĂt uns in die Schlachtordnung stan,
Bis daĂ die Hauptleut sprechen: iezt wollen wir greifen an!
*
Friedrich Logau (1604 - 1655)
Des Krieges Buchstaben
Kummer, der das Mark verzehret,
Raum, der Hab und Gut verheeret,
Jammer, der den Sinn verkehret,
Elend, das den Leib beschweret,
Grausamkeit, die Unrecht kehret,
Sind die Frucht, die Krieg gewÀhret.
(ca. 1654)
Abgedankte Soldaten
WĂŒrmer im Gewissen,
Kleider wohl zerrissen,
Wohlbenarbte Leiber,
Wohlgebrauchte Weiber,
Ungewisse Kinder,
Weder Pferd noch Rinder,
Nimmer Brot im Sacke,
Nimmer Geld im Packe,
Haben mitgenommen,
Die vom Kriege kommen:
Wer denn hat die Beute
Eitel freche Leute.
Andreas Gryphius ( 1616 - 1664 )
ThrÀnen des Vaterlandes. Anno 1636
Wir sind doch nunmehr gantz/ ja mehr denn gantz verheeret!
Der frechen Völcker Schaar/ die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwerdt/ die donnernde Carthaun/
Hat aller SchweiĂ/ und FleiĂ/ und Vorrath auffgezehret.
Die TĂŒrme stehn in Glutt/ die Kirch ist umgekehret.
Das Rathaus ligt im GrauĂ/ die Starcken sind zerhaun/
Die Jungfern sind geschĂ€ndât/ und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer/ Pest/ und Tod/ der Hertz und Geist durchfÀhret.
Hir durch die Schantz und Stadt/ rinnt allzeit frisches Blutt.
Dreymal sind schon sechs Jahr/ als unser Ströme Flutt/
Von Leichen fast verstopfft/ sich langsam fort gedrungen
Doch schweig ich noch von dem/ was Àrger als der Tod/
Was grimmer denn die Pest/ und Glutt und Hungersnoth
Das auch der Seelen Schatz/ so vilen abgezwungen.
(1643)
Anm.: Kartaune = groĂes GeschĂŒtz; GrauĂ = Schutt)
Johann Rist (1607 â 1667)
Als die wunderbahre / oder vielmehr ohnverhoffte Zeitung 1 erschallete / daĂ der Hertzog von Friedland zu Eger wehre ermordet worden.
WAs ist dieĂ Leben doch? Ein Trawrspiel ists zu nennen /
Da ist der Anfang gut / auch wie wirs wĂŒnschen können /
Das Mittel voller Angst / das End' ist Hertzeleid
Ja wol der bittre Todt / 0 kurtze Froligkeit!
DieĂ thut uns Wallenstein in seinem Spiel erweisen /
Der Kayser pflag ihn selbst anfenglich hoch zu preisen
Als' eine Seul deĂ Reichs (so nand' ihn FERDINAND)
Der Teutschen Furcht unnd Zwang / deĂ KĂ€ysers rechter Hand.
Bald aber / wie sein Glaub' unnd Trew fieng an zu wancken
Verkehrte sich das Spiel / man wandte die Gedancken
Auff seinen Untergang / der Tag gebahr die Nacht /
Das Trawrspiel hatt' ein End' unnd er ward umbgebracht.
So tumlet sich das GlĂŒck / so leufft es hin unnd wieder
Den einen macht es groĂ / den andren drĂŒckt es nieder
Sein End' ist offt der Todt. 0 selig ist der Mann
Der sich der Eitelkeit deĂ Glucks entschlagen kan.
1 Nachricht
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Unbekannter Verfasser
Wallensteins Epitaphium 2
Hie liegt und fault mit Haut und Bein
Der Grosse KriegsFĂŒrst Wallenstein.
Der groĂ Kriegsmacht zusamen bracht /
Doch nie gelieffert recht ein Schlacht.
GroĂ Gut thet er gar vielen schencken /
Dargeg'n auch viel unschuldig hencken.
Durch Sterngucken und lang tractiren /
Thet er viel Land und Leuth.verliehren.
Gar zahrt war ihm sein Böhmisch Hirn /
Kont nicht leyden der Sporn Kirrn'.
Han / Hennen / Hund / er bandisirt /
Aller Orten wo er losirt28.
Doch muĂt er gehn deĂ Todtes Strassen /
D' Han krÀhn / und d' Hund bellen lassen.
Matthias Claudius (1740 - 1815)
Kriegslied
âs ist Krieg! sâ ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
âs ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!
Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit GrÀmen
Und blutig, bleich und blaĂ,
Die Geister der Erschlagenen zu mir kÀmen,
Und vor mir weinten, was?
Wenn wackre MĂ€nner, die sich Ehre suchten,
VerstĂŒmmelt und halbtot
Im Staub vor mir sich wÀlzten und mir fluchten
In ihrer Todesnot?
Wenn tausend, tausend VĂ€ter, MĂŒtter, BrĂ€ute,
So glĂŒcklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten ĂŒber mich?
Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten, und mir zur Ehre krÀhten
Von einer Leich herab?
Was hĂŒlf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
âs ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein! (1797)
Heinrich Heine ( 1797 - 1856 )
Verlorner Posten in dem Freiheitskriege,
Hielt ich seit dreiĂig Jahren treulich aus.
Ich kÀmpfte ohne Hoffnung, daà ich siege,
Ich wuĂte, nie komm ich gesund nach Haus.
Ich wachte Tag und Nacht - Ich konnt nicht schlafen,
Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar -
(Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven
Mich wach, wenn ich ein biĂchen schlummrig war).
In jenen NĂ€chten hat Langweil ergriffen
Mich oft, auch Furcht -( nur Narren fĂŒrchten nichts ) -
Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffen
Die frechen Reime eines Spottgedichts.
Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme,
Und nahet irgendein verdÀchtiger Gauch,2
So schoĂ ich gut und jagt ihm eine warme
BrĂŒhwarme Kugel in den schnöden Bauch.
Mitunter freilich mocht es sich ereignen,
DaĂ solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut
Zu schieĂen wuĂte - ach, ich kanns nicht leugen -
Die Wunden klaffen - es verströmt mein Blut.
Ein Posten ist vakant!3 - Die Wunden klaffen -
Der Eine fĂ€llt, die Andern rĂŒcken nach -
Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen
Sind nicht gebrochen - Nur mein Herze brach.
(1851)
1 entfant perdu: verlorenes Kind - 2 Gauch: Narr -3 vakant: unbesetzt
Georg Heym ( 1887 - 1912)
Der Krieg
Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der DĂ€mmrung steht er, groĂ und unbekannt,
Und den Mond zerdrĂŒckt er in der schwarzen Hand.
In den AbendlÀrm der StÀdte fÀllt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit.
Und der MĂ€rkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiĂ.
In den Gassen faĂt es ihre Schulter leicht.
Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.
In der Ferne zittert ein GelĂ€ute dĂŒnn,
Und die Barte zittern um ihr spitzes Kinn.
Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an,
Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an!
Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,
Drum von tausend SchÀdeln laute Kette hÀngt.
Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,
Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,
Von des Todes starken Vögeln weià bedeckt.
In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein,
Einen roten Hund mit wilder MĂ€uler Schrein.
Aus dem Dunkel springt der NĂ€chte schwarze Welt,
Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.
Und mit tausend hohen ZipfelmĂŒtzen weit
Sind die finstren Ebnen flackend ĂŒberstreut,
Und was unten auf den StraĂen wimmelnd flieht,
StöĂt er in die FeuerwĂ€lder, wo die Flamme brausend zieht.
Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe FledermÀuse, zackig in das Laub gekrallt,
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
In die BĂ€ume, daĂ das Feuer brause recht.
Eine groĂe Stadt versank in gelbem Rauch,
Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig ĂŒber glĂŒhnden TrĂŒmmern steht,
Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht
Ăber sturmzerfetzter Wolken Widerschein,
In des toten Dunkels kalten WĂŒstenein,
DaĂ er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Feuer trautet unten auf Gomorrh.
*
Georg Trakl (1887 â 1914)
Grodek
Am Abend tönen die herbstlichen WÀlder
Von tödlichen Waffen, die goldenen Ebenen
Und blauen Seen, darĂŒber die Sonne
DĂŒstrer hinrollt; umfĂ€ngt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen MĂŒnder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zĂŒrnender Gott wohnt
Das vergossne Blut sich, mondne KĂŒhle;
Alle StraĂen mĂŒnden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grĂŒĂen die Geister der Helden, die blutenden HĂ€upter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! Ihr ehernen AltÀre
Die heiĂe Flamme des Geistes nĂ€hrt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungeborenen Enkel (1914)
Trakl hatte als SanitÀter eine Nacht lang ganz allein die Verwundeten der Schlacht von Grodek/ Rawa-Raska (Galizien) zu versorgen, ein bleibend traumatisches Erlebnis.
August Stramm (1874 -1915)
Patrouille
Die Steine feinden
Fenster grinst Verrat
Ăste wĂŒrgen
Berge StrÀucher blÀttern raschlig
Gellen
Tod.
August Stramm (1874 -1915)
Schlachtfeld
SchollenmĂŒrbe schlĂ€fert ein das Eisen
Blute filzen Sickerflecke
Roste krumen
Fleische schleimen
Saugen brĂŒnstet um Zerfallen.
Mordesmorde
Blinzen
Kinderblicke.
(1915)
August Stramm (1874 -1915)
Wache
Das Turmkreuz schrickt ein Stern
Der Gaul schnappt Rauch
Eisen klirrt verschlafen
Nebel streichen
Schauer
Starren Frösteln
Frösteln
Streicheln
Raunen
Du!
*
Alfred Lichtenstein (1889 â 1914)
Abschied
Vorm Sterben mache ich noch mein Gedicht.
Still, Kameraden, stört mich nicht.
Wir ziehn zum Krieg. Der Tod ist unser Kitt.
O, heulte mir doch die Geliebte nit.
Was liegt an mir. Ich gehe gerne ein.
Die Mutter weint. Man muss aus Eisen sein.
Die Sonne fÀllt zum Horizont hinab.
Bald wirft man mich ins milde Massengrab.
Am Himmel brennt das brave Abendrot.
Vielleicht bin ich in dreizehn Tagen tot.
Anm.: Peter Scher, d.i. der Redakteur des Simplicissimus Fritz Schweynert ( 1880 - 1953); der Abtransport des Regiments erfolgte am 08.08. 1914)
*
Kurt Tucholsky (1890 â 1935)
Gebet nach den Schlachten
Kopf ab zum Gebet!
Herrgott! Wir alten vermoderten Knochen
Sind aus den KalkgrÀbern noch einmal hervorgekrochen.
Wir treten zum Beten vor dich und bleiben nicht stumm.
Und fragen dich, Gott:
Warum haben wir unser rotes Herzblut darangegeben?
Bei unserm Kaiser blieben alle sechs am Leben.
Wir haben einmal geglaubt... Wir waren schön dumm... l
Uns haben sie besoffen gemacht...
Einer hat noch sechs Monate im Lazarett geschrien.
Erst das DörrgemĂŒse und zwei StabsĂ€rzte erledigten ihn.
Einer wurde blind und nahm heimlich Opium.
Drei von uns haben zusammen nur einen Arm...
Wir haben Glauben, Krieg, Leben und alles verloren.
Uns trieben sie hinein wie im Kino die Gladiatoren.
Wir hatten das allerbeste Publikum.
Das starb aber nicht mit...
Herrgott!
Wenn du wirklich der bist, als den wir dich lernten:
Steig herunter von deinem Himmel, dem besternten!
Fahr hernieder oder schick deinen Sohn!
ReiĂ ab die Fahnen, die Helme, die Ordensdekoration!
VerkĂŒnde den Staaten der Erde, wie wir gelitten,
wie uns Hunger, LĂ€use, Schrapnells und LĂŒgen den Leib zerschnitten!
Feldprediger haben uns in deinem Namen zu Grabe getragen.
ErklÀre, dass sie gelogen haben! LÀsst du dir das sagen?
Jag uns zurĂŒck in unsre GrĂ€ber, aber antworte zuvor!
Soweit wir das noch können, knien wir vor dir â aber leih uns dein Ohr!
Wenn unser Sterben nicht völlig sinnlos war,
verhĂŒte wie 1914 ein Jahr!
Sag es den Menschen! Treib sie zur Desertion!
Wir stehen vor dir: ein Totenbataillon.
Dies blieb uns: zu dir kommen und beten!
Weggetreten!
Kurt Tucholsky (1890 â 1935)
Der Graben
Mutter, wozu hast du deinen aufgezogen?
Hast dich zwanzig Jahr mit ihm gequÀlt?
Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,
und du hast ihm leise was erzÀhlt?
Bis sie ihn dir weggenommen haben
FĂŒr den Graben, Mutter, fĂŒr den Graben.
Junge, kannst du noch an Vater denken?
Vater nahm dich oft auf seinen Arm.
Und er wollt dir einen Groschen schenken,
und er spielte mit dir RĂ€uber und Gendarm.
Bis sie ihn dir weggenommen haben
FĂŒr den Graben, Junge, fĂŒr den Graben.
DrĂŒben die französischen Genossen
Lagen dicht bei Englands Arbeitsmann.
Alle haben sie ihr Blut vergossen,
und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.
Alte Leute, MĂ€nner, mancher Knabe
In dem einen groĂen Massengrabe.
Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!
Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!
In die GrÀben schickten euch die Junker,
Staatswahn und der Fabrikanteneid.
Ihr wart gut genug zum FraĂ fĂŒr Raben,
FĂŒr das Grab, Kameraden, fĂŒr den Graben!
Werft die Fahnen fort!
Spielen auf zu eurem Todestanz.
Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen â
Das ist dann der Dank des Vaterlands.
Denkt an Todesröcheln und Gestöhne.
DrĂŒben stehen <VĂ€ter, MĂŒtter, Söhne,
schuften schwer, wie ihr, ums bisschen Leben.
Wollt ihr denen nicht die HĂ€nde geben?
Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
Ăbern Graben, Leute, ĂŒbern Graben -!
(1928)
Johann Spratte © (1901 â 1991)
Heimkehr
Im BĂŒndel
den gebastelten Löffel
aus Konservenblech.
PatronenhĂŒlse
mit Bleistiftstummel.
Bindfaden, Borsalbe,
Soldatenbrille,
und Vaters alte Taschenuhr.
Ein StĂŒck Brot noch
von der letzten Lagerzuteilung.
ZerdrĂŒckte Briefe,
Fotografien
und in staubigen Stiefeln
immer noch der gewohnte
Marschtritt.
Aber die StraĂen der Heimat
unter den FĂŒĂen.
(aus: Gelber Wiesenmond, 1980, S. 20 - s. In memoriam Johann Spratte
Herrn Wido Spratte aus Wallenhorst ein herzliches Dankeschön fĂŒr die Abdruckerlaubnis, Februar 2011
Ich danke dem Autor Hans Bender ganz herzlich fĂŒr die Abdruckerlaubnis; Mai 2008
Eva Zeller © (* 1923)
Ruhe auf der Flucht
(06. 01. 1945)
Heute Mittag
haben wir bei
Schmelzwasser
und trockenem Brot
die rotgefrorne
RĂŒbennase des
Schneemanns
gekaut der
mit seinem
Besenstiel
Schlobitten
verteidigte
Anm. Z 11: Schlobitten = Ort und Schloss in OstpreuĂen
Eva Zeller © (* 1923)
ein GerÀusch
Wir haben die
Pferdehufe beschlagen
Achsen und Schlitter-
Kufen geschmiert
zu schwere Kisten
mit dem Tafelsilber
wieder abgeladen
die aneinander
gefrorenen Eis-
schollen auf der
Nogat knisterten
schon und knirschten
ein GerÀusch wie
beim Zahnziehn
wenn die Wurzel
nicht raus will
und die örtliche
BetÀubung auch
nicht mehr hilft
*
Anm: Z 11: Nogat = 62 km langer MĂŒndungsarm der Weichsel, mĂŒndet ins Frische Haff
aus: Eva Zeller, Was mich betrifft. Gedichte und Balladen. Literarische Broschur Bd. 18 , MĂŒnchen Verlag Sankt Michaelsbund. 2011, S. 7f. . Der Autorin fĂŒr die Publikationserlaubnis vom 26. 08. 2011 ganz herzlichen Dank.
Horst Bingel ©(1933 â 2008)
Das Winterpferd
Schaukelpferd, Schaukelpferd, reite nicht in den Krieg,
der Krieg, er ist ein böses Tier,
Papa und Mama bleiben hier.
Ihr habt die Eisblumen gesehen,
du und das Winterpferd,
alle GrÀber werde wir
schmĂŒcken am Sonntag, am
Montag, frĂŒhmorgens,
am Morgen dann,
Kastanien und StraĂen-
laternen sammle ich
fĂŒr dich, braune Kastanien.
Schaukelpferd, Schaukelpferd, reite nicht in den Krieg,
der Krieg, er ist ein böses Tier,
Papa und Mama bleiben hier.
Sie werden in einer Nacht
dich verkaufen
- und kein Hahn und kein Hund â
sie mit Zylindern, die
bodenlos sind, sie
haben dich nicht gekannt.
Meide die festen HĂ€user!
LĂ€ngst schon stehen Rucksack und Schaukelpferd,
Rucksack und Schaukelpferd bereit.
Schaukelpferd, Schaukelpferd, reite nicht in den Krieg,
der Krieg, er ist ein böses Tier,
Papa und Mama bleiben hier.
*
aus: Horst Bingel, Den Schnee besteuern. Gedichte. Hrsg. von Werner Bucher
und Virgilio Masciadri. orte-Verlag, Oberegg und ZĂŒrich 2009, S. 36
Frau Barbara Bingel ganz herzlichen Dank fĂŒr die Abdruckerlaubnis.
Peter HĂ€rtling (* 1933)
Krieg
Hinunter.
Das Land, das ich erdachte,
bricht weg
wie ein StĂŒck Schiefer,
hinunter.
Hinunter
ins irrende GedÀchtnis:
Schon wieder Krieg?
Nach wie vielen Kriegen
schon wieder Krieg?
Ich lag verschĂŒttet
unter meiner Kindheit.
Nichts nahm ich mit.
Nun bricht von neuem
weg,
was ich fand, erfand,
mein Land,
stĂŒrzt hinunter:
eine Tafel mit
meiner verwischten Schrift,
und verglĂŒht
im Krieg,
im nicht mehr angesagten Krieg.
aus: Peter HĂ€rtling, Das Land, das ich erdachte. Gedichte 1990 â 1993 Radius Verlag, S. 59
Ich danke dem Autor ganz herzlich fĂŒr die Abdruckerlaubnis; 09. 05. 2011.
Monika Taubitz © (* 1937)
Vergessene Geschichte
Die StrÀnge der Schienen
stumpf geworden
und rotbraun vom Rost,
weisen hier und dort
einen helleren Farbton auf.
Ausgetauscht einst
und ĂŒber Bombentrichtern
verlegt,
markieren sie noch immer
die alte Geschichte.
Monika Taubitz © (* 1937)
Damals
Es blitzten die Schienen
wie scharf
geschliffene Messer,
damals,
als Waggon
um Waggon
darĂŒberrollte
nach Buchenwald,
dem Ort
mit dem schönen Namen.
aus:
Monika Taubitz; Im Zug - nebenbei. Gedichte von unterwegs,
Neisse Verlag Silvia & Detlev Krell GbR, Dresden 2011, S. 9 und 10
(s. Sonderseite Gedichte der Monika Taubitz)
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Noch nicht copyfrei:
Bert Brecht (1898 - 1956) Legende vom toten Soldaten (Und als der Krieg im fĂŒnften Lenz)
Marie Luise Kaschnitz (1901 â 1974) Hiroshima (Der den Tod auf Hiroshima warf)
Peter Huchel (1903 - 1981) Chausseen, Chausseen Chronik: Dezember 1942
(Wie Wintergewitter ein rollender Hall) (1955)
Rainer Brambach (1917 â 1983) Paul ( Neunzehnhundertsiebzehn/ an einem Tag unter Null geboren)
Paul Celan (1920 â1970) Espenbaum, ( dein Laub blickt weiĂ ins Dunkel.)
Erich Fried (1921 â 1988) (Beim Nachdenken ĂŒber Vorbilder
Spruch (Ich bin der Sieg)
Inge MĂŒller (1925 - 1966) 1945 (Ich sah die Welt in TrĂŒmmern)
Ernst Jandl (1925 - 2000) schtzgrmm (schtzngrmm/ t-t-t-t)
Ingeborg Bachmann (1926 â 1973) Alle Tage (Der Krieg wird nicht mehr erklĂ€rt, sondern fortgesetzt.)
GĂŒnter Kunert ( * 1929) Manöverplatz ( In den erblĂŒhten GĂ€rten, wo)
Volker von Törne (1934 - 1980) Frage (Mein GroĂvater starb an der Westfront)
Wolf Biermann (* 1936) Soldat Soldat (Soldat Soldat in grauer Norm)
Kurt Bartsch (1937 - 2010) Frage (Noch steht das Haus)
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Aegidienkirche Hannover - nach dem Luftangriff 1943 im zerstörten Zustand belassen als Mahnmal gegen Krieg
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