“... Lesen schadet den Augen! ”

 

              

                     Gedichtmotiv Krieg  und Vertreibung:

 

 

          Hans Sachs ( 1494 - 1576 )

          Die Gefangenen klagen

          O Herre Gott, laß dich erbarmen

          Unser Ellend - gefangen, armen,

          ErwĂŒrgen sechs wir unser Kinder,

          Genummen sind uns Schaf und Rinder,

          Haus unde Hof ist uns verbrennt,

          Und wir gefĂŒhrt in das Ellend.

             

          Weh daß uns unser Mutter trug,

          Erst mĂŒĂŸ wir ziehen in dem Pflug

          Und Gersten essen, wie die Pferd,

          Mit unserm  Munde von der Erd.

          Kumm, grimmer Tod, und uns erlös

          Von dem grausamen TĂŒrken bös.

         

                        Unbekannter Verfasser

        Stoss-Seufzer

        Unser liebe Fraue

        Vom kalten Brunnen

        Bescher uns armen Landsknecht

        Eine warme Sunnen

        Daß wir nit erfrieren.

        Wol in des Wirtes Haus

        Trag wir ein vollen SĂ€ckel

        Und ein leeren wieder aus.

     

                      Die Schlacht vor Pavia

        Herr Görg von Frosperg,

        Herr Görg von Frosperg,

        Der hat die schlacht vor Pavia gewunnen,

        Gewunnen hat er die Schlacht vor Pavia in ein Tiergart,

        In neuthalben Stunden gewunnen Land und Leut.

         

        Der König aus Frankreich,

        Der König aus Frankreich,

        Der hat die Schlacht vor Pavia verloren,

        Verloren hat er die Schlacht vor Pavia in ein Tiergart,

        In neuthalben Stunden verlor er Land und Leut.

                                         

        Im Blut mußten wir gan,

        Im Blut mußten wir gan,

        Bis ĂŒber, bis ĂŒber die Schuch:

        Barmherziger Gott, erkenn die Not!

        Barmherziger Gott, erkenn die Not!

        Wir mĂŒssen sonst verderben also.

         

        Lermen, lermen, lermen,

        Lermen, lermen, lermen!

        TĂ€t uns die Trummel und die Pfeifen sprechen;

        Her, her, her, ihr frummen teutschen Landsknecht gut!

        Laßt uns in die Schlachtordnung stan,

        Laßt uns in die Schlachtordnung stan,

        Bis daß die Hauptleut sprechen: iezt wollen wir greifen an!

                                     *

         

          Friedrich Logau (1604 - 1655)

          Des Krieges Buchstaben

          Kummer, der das Mark verzehret,

          Raum, der Hab und Gut verheeret,

          Jammer, der den Sinn verkehret,

          Elend, das den Leib beschweret,

          Grausamkeit, die Unrecht kehret,

          Sind die Frucht, die Krieg gewÀhret.

                                                                     (ca. 1654)

                 

        Abgedankte Soldaten

        WĂŒrmer im Gewissen,

        Kleider wohl zerrissen,

        Wohlbenarbte Leiber,

        Wohlgebrauchte Weiber,

        Ungewisse Kinder,

        Weder Pferd noch Rinder,

        Nimmer Brot im Sacke,

        Nimmer Geld im Packe,

        Haben mitgenommen,

        Die vom Kriege kommen:

        Wer denn hat die Beute

        Eitel freche Leute.

            *

     

          Andreas Gryphius  ( 1616 - 1664 )

          ThrÀnen des Vaterlandes. Anno 1636

          Wir sind doch nunmehr gantz/ ja mehr denn gantz verheeret!

                 Der frechen Völcker Schaar/ die rasende Posaun

                 Das vom Blut fette Schwerdt/ die donnernde Carthaun/

          Hat aller Schweiß/ und Fleiß/ und Vorrath auffgezehret.

          Die TĂŒrme stehn in Glutt/ die Kirch ist umgekehret.

                 Das Rathaus ligt im Grauß/ die Starcken sind zerhaun/

                 Die Jungfern sind geschĂ€nd’t/ und wo wir hin nur schaun

          Ist Feuer/ Pest/ und Tod/ der Hertz und Geist durchfÀhret.

                 Hir durch die Schantz und Stadt/ rinnt allzeit frisches Blutt.

                 Dreymal sind schon sechs Jahr/ als unser Ströme Flutt/

          Von Leichen fast verstopfft/ sich langsam fort gedrungen

                  Doch schweig ich noch von dem/ was Ă€rger als der Tod/

                  Was grimmer denn die Pest/ und Glutt und Hungersnoth

          Das auch der Seelen Schatz/ so vilen abgezwungen.

                                                                                            (1643)

                      Anm.: Kartaune = großes GeschĂŒtz; Grauß = Schutt)

            

 

    Johann Rist (1607 – 1667)

    Als die wunderbahre / oder vielmehr ohnverhoffte Zeitung 1 erschallete /                              daß der Hertzog von Friedland zu Eger wehre ermordet worden.

     

    WAs ist dieß Leben doch? Ein Trawrspiel ists zu nennen /

    Da ist der Anfang gut / auch wie wirs wĂŒnschen können /

    Das Mittel voller Angst / das End' ist Hertzeleid

    Ja wol der bittre Todt / 0 kurtze Froligkeit!

    Dieß thut uns Wallenstein in seinem Spiel erweisen /    

    Der Kayser pflag ihn selbst anfenglich hoch zu preisen

    Als' eine Seul deß Reichs (so nand' ihn FERDINAND)

    Der Teutschen Furcht unnd Zwang / deß KĂ€ysers rechter Hand.

     

    Bald aber / wie sein Glaub' unnd Trew fieng an zu wancken

    Verkehrte sich das Spiel / man wandte die Gedancken 

    Auff seinen Untergang / der Tag gebahr die Nacht /

    Das Trawrspiel hatt' ein End' unnd er ward umbgebracht.

    So tumlet sich das GlĂŒck / so leufft es hin unnd wieder

    Den einen macht es groß / den andren drĂŒckt es nieder

    Sein End' ist offt der Todt. 0 selig ist der Mann

    Der sich der Eitelkeit deß Glucks entschlagen kan.

                                                                                     1 Nachricht

                                     *

            Unbekannter Verfasser

            Wallensteins Epitaphium 2

             

            Hie liegt und fault mit Haut und Bein

            Der Grosse KriegsFĂŒrst Wallenstein.

            Der groß Kriegsmacht zusamen bracht /

            Doch nie gelieffert recht ein Schlacht.

            Groß Gut thet er gar vielen schencken /

            Dargeg'n auch viel unschuldig hencken.

            Durch Sterngucken und lang tractiren /

            Thet er viel Land und Leuth.verliehren.

            Gar zahrt war ihm sein Böhmisch Hirn /

            Kont nicht leyden der Sporn Kirrn'.       

            Han / Hennen / Hund / er bandisirt /

            Aller Orten wo er losirt28.

            Doch mußt er gehn deß Todtes Strassen /

            D' Han krÀhn / und d' Hund bellen lassen.

             

                                     2  Epitaph = Grabschrift.

 

          Matthias Claudius (1740  - 1815)

          Kriegslied

           â€˜s ist Krieg! s’ ist Krieg! O Gottes Engel wehre,

                   Und rede du darein!

          ‘s ist leider Krieg - und ich begehre

                   Nicht schuld daran zu sein!

           

          Was  sollt ich machen, wenn im Schlaf mit GrĂ€men

          Und blutig, bleich und blaß,

          Die Geister der Erschlagenen zu mir kÀmen,

                  Und vor mir weinten, was?

           

          Wenn wackre MĂ€nner, die sich Ehre suchten,

                   VerstĂŒmmelt und halbtot

          Im Staub vor mir sich wÀlzten und mir fluchten

                    In ihrer Todesnot?

           

          Wenn tausend, tausend VĂ€ter, MĂŒtter, BrĂ€ute,

                    So glĂŒcklich vor dem Krieg,

          Nun alle elend, alle arme Leute,

                    Wehklagten ĂŒber mich?

           

          Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten

                      Freund, Freund und Feind ins Grab

          Versammelten, und mir zur Ehre krÀhten

                      Von einer Leich herab?

           

          Was hĂŒlf mir Kron und Land und Gold und Ehre?

                      Die könnten mich nicht freun!

          ‘s ist leider Krieg - und ich begehre

                      Nicht schuld daran zu sein!  (1797)

         

                *

              Joseph v. Eichendorff ( 1788 - 1857)

              Der Soldat

              Und wenn es einst dunkelt,

              Der Erd bin ich satt,

              Durchs Abendrot funkelt

              Eine prÀchtige Stadt:

              Von den goldenen TĂŒrmen

              Singet der Chor,

              Wir aber stĂŒrmen

              Das himmlische Tor.

                *

BilderSchlachten

 

      Heinrich Heine  ( 1797 - 1856 )   

             Enfant perdu1

      Verlorner Posten in dem Freiheitskriege,

      Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus.

      Ich kĂ€mpfte ohne Hoffnung, daß ich siege,

      Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus.

       

      Ich wachte Tag und Nacht - Ich konnt nicht schlafen,

      Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar -

      (Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven

      Mich wach, wenn ich ein bißchen schlummrig war).

       

      In jenen NĂ€chten hat Langweil ergriffen

      Mich oft, auch Furcht -( nur Narren fĂŒrchten nichts ) -

      Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffen

      Die frechen Reime eines Spottgedichts.

       

      Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme,

      Und nahet irgendein verdÀchtiger Gauch,2

      So schoß ich gut und jagt ihm eine warme

      BrĂŒhwarme Kugel in den schnöden Bauch.

       

      Mitunter freilich mocht es sich ereignen,

      Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut

      Zu schießen wußte - ach, ich kanns nicht leugen -

      Die Wunden klaffen - es verströmt mein Blut.

       

      Ein Posten ist vakant!3 - Die Wunden klaffen -

      Der Eine fĂ€llt, die Andern rĂŒcken nach -

      Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen

      Sind nicht gebrochen  -  Nur mein Herze brach.

                                                                                         (1851)

    1 entfant perdu: verlorenes Kind - 2  Gauch:   Narr -3  vakant: unbesetzt   

            *

                        

          Georg  Heym ( 1887 - 1912)

           Der Krieg

          Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,

          Aufgestanden unten aus Gewölben tief.

          In der DĂ€mmrung steht er, groß und unbekannt,

          Und den Mond zerdrĂŒckt er in der schwarzen Hand.

           

          In den AbendlÀrm der StÀdte fÀllt es weit,

          Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit.

          Und der MĂ€rkte runder Wirbel stockt zu Eis.

          Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

           

          In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.

          Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.

          In der Ferne zittert ein GelĂ€ute dĂŒnn,

          Und die Barte zittern um ihr spitzes Kinn.

           

          Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an,

          Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an!

          Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,

          Drum von tausend SchÀdeln laute Kette hÀngt.

           

          Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,

          Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.

          Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,

          Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

           

          In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein,

          Einen roten Hund mit wilder MĂ€uler Schrein.

          Aus dem Dunkel springt der NĂ€chte schwarze Welt,

          Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

           

          Und mit tausend hohen ZipfelmĂŒtzen weit

          Sind die finstren Ebnen flackend ĂŒberstreut,

          Und was unten auf den Straßen wimmelnd flieht,

          StĂ¶ĂŸt er in die FeuerwĂ€lder, wo die Flamme brausend zieht.

                                                                                                     

          Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,

          Gelbe FledermÀuse, zackig in das Laub gekrallt,

          Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht

          In die BĂ€ume, daß das Feuer brause recht.

           

          Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,

          Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.

          Aber riesig ĂŒber glĂŒhnden TrĂŒmmern steht,

          Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht

           

          Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,

          In des toten Dunkels kalten WĂŒstenein,

          Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,

          Pech und Feuer trautet unten auf Gomorrh.

                           (1911)

                                         *

        Georg Trakl (1887 – 1914)

        Grodek

        Am Abend tönen die herbstlichen WÀlder

        Von tödlichen Waffen, die goldenen Ebenen

        Und blauen Seen, darĂŒber die Sonne

        DĂŒstrer hinrollt; umfĂ€ngt die Nacht

        Sterbende Krieger, die wilde Klage

        Ihrer zerbrochenen MĂŒnder.

        Doch stille sammelt im Weidengrund

        Rotes Gewölk, darin ein zĂŒrnender Gott wohnt

        Das vergossne Blut sich, mondne KĂŒhle;

        Alle Straßen mĂŒnden in schwarze Verwesung.

        Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen

        Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,

        Zu grĂŒĂŸen die Geister der Helden, die blutenden HĂ€upter;

        Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.

        O stolzere Trauer! Ihr ehernen AltÀre

        Die heiße Flamme des Geistes nĂ€hrt heute ein gewaltiger  Schmerz,

        Die ungeborenen Enkel                                                                                                                                                                                                                                  (1914)

                             Trakl hatte als SanitĂ€ter eine Nacht lang ganz allein die Verwundeten der Schlacht von                                        Grodek/ Rawa-Raska (Galizien) zu versorgen, ein bleibend traumatisches Erlebnis.

             *

                                           

      August Stramm (1874 -1915)

      Patrouille

      Die Steine feinden

      Fenster grinst Verrat

      Äste wĂŒrgen

      Berge StrÀucher blÀttern raschlig

      Gellen

      Tod.  

                                         (1915)

               August Stramm (1874 -1915)

        Schlachtfeld

        SchollenmĂŒrbe schlĂ€fert ein das Eisen

        Blute filzen Sickerflecke

        Roste krumen

        Fleische schleimen

        Saugen brĂŒnstet um Zerfallen.

        Mordesmorde

        Blinzen

        Kinderblicke.

                                         (1915)

         

          August Stramm (1874 -1915)

          Wache

          Das Turmkreuz schrickt ein Stern

          Der Gaul schnappt Rauch

          Eisen klirrt verschlafen

          Nebel streichen

          Schauer

          Starren Frösteln

          Frösteln

          Streicheln

          Raunen

          Du!

          *

            Alfred Lichtenstein (1889 – 1914)

            Abschied

                    kurz vor der Abfahrt zum Kriegsschauplatz fĂŒr Peter Scher)

             

            Vorm Sterben mache ich noch mein Gedicht.

            Still, Kameraden, stört mich nicht.

             

            Wir ziehn zum Krieg. Der Tod ist unser Kitt.

            O, heulte mir doch die Geliebte nit.

             

            Was liegt an mir. Ich gehe gerne ein.

            Die Mutter weint. Man muss aus Eisen sein.

             

            Die Sonne fÀllt zum Horizont hinab.

            Bald wirft man mich ins milde Massengrab.

             

            Am Himmel brennt das brave Abendrot.

            Vielleicht bin ich in dreizehn Tagen tot.

         

                   Anm.: Peter Scher, d.i. der Redakteur des Simplicissimus Fritz Schweynert ( 1880 - 1953);                                                                          der Abtransport des Regiments erfolgte am 08.08. 1914)

                                   *

      Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

      Gebet nach den Schlachten

      Kopf ab zum Gebet!

       

      Herrgott! Wir alten vermoderten Knochen

      Sind aus den KalkgrÀbern noch einmal hervorgekrochen.

      Wir treten zum Beten vor dich und bleiben nicht stumm.

      Und fragen dich, Gott:

          Warum?

       

      Warum haben wir unser rotes Herzblut darangegeben?

      Bei unserm Kaiser blieben alle sechs am Leben.

      Wir haben einmal geglaubt... Wir waren schön dumm... l

      Uns haben sie besoffen gemacht...

          Warum —?

       

      Einer hat noch sechs Monate im Lazarett geschrien.

      Erst das DörrgemĂŒse und zwei StabsĂ€rzte erledigten ihn.

      Einer wurde blind und nahm heimlich Opium.

      Drei von uns haben zusammen nur einen Arm...

          Warum —?

       

      Wir haben Glauben, Krieg, Leben und alles verloren.

      Uns trieben sie hinein wie im Kino die Gladiatoren.

      Wir hatten das allerbeste Publikum.

      Das starb aber nicht mit...

          Warum -? Warum -?

     

      Herrgott!

      Wenn du wirklich der bist, als den wir dich lernten:

      Steig herunter von deinem Himmel, dem besternten!

      Fahr hernieder oder schick deinen Sohn!

      Reiß ab die Fahnen, die Helme, die Ordensdekoration!

      VerkĂŒnde den Staaten der Erde, wie wir gelitten,

      wie uns Hunger, LĂ€use, Schrapnells und LĂŒgen den Leib zerschnitten!

      Feldprediger haben uns in deinem Namen zu Grabe getragen.

      ErklÀre, dass sie gelogen haben! LÀsst du dir das sagen?

      Jag uns zurĂŒck in unsre GrĂ€ber, aber antworte zuvor!

      Soweit wir das noch können, knien wir vor dir — aber leih uns dein Ohr!

      Wenn unser Sterben nicht völlig sinnlos war,

      verhĂŒte wie 1914 ein Jahr!

      Sag es den Menschen! Treib sie zur Desertion!

       

      Wir stehen vor dir: ein Totenbataillon.

      Dies blieb uns: zu dir kommen und beten!

          Weggetreten!                

                    Theobald Tiger (1924)  

                   

          Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

          Der Graben

          Mutter, wozu hast du deinen aufgezogen?

          Hast dich zwanzig Jahr mit ihm gequÀlt?

          Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,

          und du hast ihm leise was erzÀhlt?

            Bis sie ihn dir weggenommen haben

            FĂŒr den Graben, Mutter, fĂŒr den Graben.

           

          Junge, kannst du noch an Vater denken?

          Vater nahm dich oft auf seinen Arm.

          Und er wollt dir einen Groschen schenken,

          und er spielte mit dir RĂ€uber und Gendarm.

            Bis sie ihn dir weggenommen haben

            FĂŒr den Graben, Junge, fĂŒr den Graben.

           

          DrĂŒben die französischen Genossen

          Lagen dicht bei  Englands Arbeitsmann.

          Alle haben sie ihr Blut vergossen,

          und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.

            Alte Leute, MĂ€nner, mancher Knabe

            In dem einen großen Massengrabe.

           

          Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!

          Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!

          In die GrÀben schickten euch die Junker,

          Staatswahn und der Fabrikanteneid.

            Ihr wart gut genug zum Fraß fĂŒr Raben,

            FĂŒr das Grab, Kameraden, fĂŒr den Graben!

           

          Werft die Fahnen fort!

                Die MilitÀrkapellen

          Spielen auf zu eurem Todestanz.

          Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen –

          Das ist dann der Dank des Vaterlands.

            Denkt an Todesröcheln und Gestöhne.

            DrĂŒben stehen <VĂ€ter, MĂŒtter, Söhne,

            schuften schwer, wie ihr, ums bisschen Leben.

            Wollt ihr denen nicht die HĂ€nde geben?

            Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben

            Übern Graben, Leute, ĂŒbern Graben -!

                                                                                                       (1928)

                                                   *

        Johann Spratte © (1901 – 1991)

        Heimkehr

        Im BĂŒndel

        den gebastelten Löffel

        aus Konservenblech.

        PatronenhĂŒlse

        mit Bleistiftstummel.

        Bindfaden, Borsalbe,

        Soldatenbrille,

        und Vaters alte Taschenuhr.

        Ein StĂŒck Brot noch

        von der letzten Lagerzuteilung.

        ZerdrĂŒckte Briefe,

        Fotografien

        und in staubigen Stiefeln

        immer noch der gewohnte

        Marschtritt.

        Aber die Straßen der Heimat

        unter den FĂŒĂŸen.

     

                                         (aus: Gelber Wiesenmond, 1980, S. 20 - s.  In memoriam Johann Spratte

             Herrn Wido Spratte aus Wallenhorst ein herzliches Dankeschön fĂŒr die Abdruckerlaubnis, Februar 2011

                                        *

              Hans Bender © ( * 1919)

              Heimkehr

              Im Rock des Feindes,

              in zu großen Schuhen,

              im Herbst,

              auf blattgefleckten Wegen

              gehst du heim.

              Die HÀhne krÀhen

              deine Freude in den Wind,

              und zögernd pocht

              dein Knöchel

              an die stumme,

              neue TĂŒr.

                                                     (1954)

           

                     Ich danke dem Autor Hans Bender ganz herzlich fĂŒr die Abdruckerlaubnis; Mai 2008

 

          Eva Zeller © (* 1923)

          Ruhe auf der Flucht

           

          (06. 01. 1945)

           

          Heute Mittag

          haben wir bei

          Schmelzwasser

          und trockenem Brot

          die rotgefrorne

          RĂŒbennase des

          Schneemanns

          gekaut der

          mit seinem

          Besenstiel

          Schlobitten

          verteidigte

 

               *

                               Anm. Z 11: Schlobitten =  Ort und Schloss in Ostpreußen

                

          Eva Zeller © (* 1923)

          ein GerÀusch

           

          Wir haben die

          Pferdehufe beschlagen

          Achsen und Schlitter-

          Kufen geschmiert

          zu schwere Kisten

          mit dem Tafelsilber

          wieder abgeladen

           

          die aneinander

          gefrorenen Eis-

          schollen auf der

          Nogat knisterten

          schon und knirschten

 

          ein GerÀusch wie

          beim Zahnziehn

          wenn die Wurzel

          nicht raus will

          und die örtliche

          BetÀubung auch

          nicht mehr hilft

               *

    Anm: Z 11: Nogat = 62 km langer MĂŒndungsarm der Weichsel, mĂŒndet ins Frische Haff

    aus: Eva Zeller, Was mich betrifft. Gedichte und Balladen. Literarische Broschur Bd. 18 , MĂŒnchen Verlag Sankt Michaelsbund. 2011, S. 7f. . Der Autorin fĂŒr die Publikationserlaubnis vom 26. 08. 2011 ganz herzlichen Dank.

 

            Dagmar Nick (* 1926)

            Flucht

            Weiter. Weiter. DrĂŒben schreit ein Kind.
            Laß es liegen, es ist halb zerrissen.
            HĂ€user schwanken mĂŒde wie Kulissen
            durch den Wind.

            Irgendjemand legt mir seine Hand
            in die meine, zieht mich fort und zittert.
            Sein Gesicht ist wie Papier zerknittert,
            unbekannt.

            Ob du auch so um dein Leben bangst?
            Alles andre ist schon fortgegeben.
            Ach, ich habe nichts mehr, kaum ein Leben,
            nur noch Angst.

                           *

                                                                     (Erstveröffentlichung durch Erich KĂ€stner, 1945)

                                                                                             (s. Sonderseite Dagmar Nick)

 

      Horst Bingel ©(1933 – 2008)

      Das Winterpferd

      Schaukelpferd, Schaukelpferd, reite nicht in den Krieg,

      der Krieg, er ist ein böses Tier,

      Papa und Mama bleiben hier.

       

      Ihr habt die Eisblumen gesehen,

      du und das Winterpferd,

      alle GrÀber werde wir

      schmĂŒcken am Sonntag, am

      Montag, frĂŒhmorgens,

      am Morgen dann,

      Kastanien und Straßen-

      laternen sammle ich

      fĂŒr dich, braune Kastanien.

       

      Schaukelpferd, Schaukelpferd, reite nicht in den Krieg,

      der Krieg, er ist ein böses Tier,

      Papa und Mama bleiben hier.

       

      Sie werden in einer Nacht

      dich verkaufen

      - und kein Hahn und kein Hund –

      sie mit Zylindern, die

      bodenlos sind, sie

      haben dich nicht gekannt.

      Meide die festen HĂ€user!

      LĂ€ngst schon stehen Rucksack und Schaukelpferd,

      Rucksack und Schaukelpferd bereit.

       

      Schaukelpferd, Schaukelpferd, reite nicht in den Krieg,

      der Krieg, er ist ein böses Tier,

      Papa und Mama bleiben hier.

       

                 *

       aus: Horst Bingel, Den Schnee besteuern.  Gedichte. Hrsg. von Werner Bucher

             und Virgilio Masciadri. orte-Verlag, Oberegg und ZĂŒrich 2009, S. 36

             Frau Barbara Bingel ganz herzlichen Dank fĂŒr die Abdruckerlaubnis.

    

 

            Peter HĂ€rtling (* 1933)

            Krieg

             

            Hinunter.

            Das Land, das ich erdachte,

            bricht weg

            wie ein StĂŒck Schiefer,

            hinunter.

            Hinunter

            ins irrende GedÀchtnis:

            Schon wieder Krieg?

            Nach wie vielen Kriegen

            schon wieder Krieg?

            Ich lag verschĂŒttet

            unter meiner Kindheit.

            Nichts nahm ich mit.

            Nun bricht von neuem

            weg,

            was ich fand, erfand,

            mein Land,

            stĂŒrzt hinunter:

            eine Tafel mit

            meiner verwischten Schrift,

            und verglĂŒht

            im Krieg,

            im nicht mehr angesagten Krieg.

             

             

             aus: Peter HĂ€rtling, Das Land, das ich erdachte. Gedichte 1990 – 1993 Radius Verlag, S. 59

                       Ich danke dem Autor ganz herzlich fĂŒr die Abdruckerlaubnis; 09. 05. 2011.

 

 

            Monika Taubitz © (* 1937)

            Vergessene Geschichte

             

            Die StrÀnge der Schienen

            stumpf geworden

            und rotbraun vom Rost,

            weisen hier und dort

            einen helleren Farbton auf.

             

            Ausgetauscht einst

            und ĂŒber Bombentrichtern

            verlegt,

            markieren sie noch immer

            die alte Geschichte.

             

               *

             

            Monika Taubitz © (* 1937)

            Damals

             

            Es blitzten die Schienen

            wie scharf

            geschliffene Messer,

            damals,

            als Waggon

            um Waggon

            darĂŒberrollte

            nach Buchenwald,

            dem Ort

            mit dem schönen Namen.

             

               *

            aus:

            Monika Taubitz; Im Zug -  nebenbei. Gedichte von unterwegs,

            Neisse Verlag Silvia & Detlev Krell GbR, Dresden 2011, S. 9 und 10

                     (s. Sonderseite Gedichte der Monika Taubitz)

 

                                 Friedensmasken Kalkriese

             

                                                                     Noch nicht copyfrei:

    Bert Brecht (1898 - 1956) Legende vom toten Soldaten (Und als der Krieg im fĂŒnften Lenz)

    Marie Luise Kaschnitz (1901 – 1974) Hiroshima   (Der den Tod auf Hiroshima warf)

    Peter Huchel (1903 - 1981) Chausseen, Chausseen Chronik:  Dezember 1942

                                               (Wie Wintergewitter ein rollender Hall) (1955)

    Rainer Brambach (1917 – 1983) Paul ( Neunzehnhundertsiebzehn/ an einem Tag unter Null geboren)

    Paul Celan (1920 –1970)  Espenbaum,  ( dein Laub blickt weiß ins Dunkel.)

    Erich Fried (1921 – 1988)  (Beim Nachdenken ĂŒber Vorbilder

                                          Spruch (Ich bin der Sieg)

    Inge MĂŒller (1925 - 1966) 1945 (Ich sah die Welt in TrĂŒmmern)

    Ernst Jandl (1925 - 2000) schtzgrmm (schtzngrmm/ t-t-t-t)

                 (vater komm erzĂ€hl vom krieg)

    Ingeborg Bachmann (1926 – 1973) Alle Tage (Der Krieg wird nicht mehr erklĂ€rt, sondern fortgesetzt.)

    GĂŒnter Kunert ( * 1929) Manöverplatz ( In den erblĂŒhten GĂ€rten, wo)

    Volker von Törne (1934 - 1980)  Frage (Mein Großvater starb an der Westfront)

    Wolf Biermann (* 1936) Soldat Soldat (Soldat Soldat in grauer Norm)

    Kurt Bartsch (1937 - 2010) Frage (Noch steht das Haus)

     

 

           Aegidienkirche Hannover - nach dem Luftangriff 1943 im zerstörten Zustand belassen als Mahnmal gegen Krieg

 

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