“... Lesen schadet den Augen! ”

     

         Das Thema Sommer im Gedicht

 

        Frühlingsblumen (Volkslied) 

         

        Herzlich tut mich erfreuen

        Die fröhlich Sommerzeit,

        All mein Geblüt verneuen,

        Der Mai in Wollust freut,

        Die Lerch tut sich erschwingen

        Mit ihrem hellen Schall,

        Lieblich die Vöglein singen,

        Dazu die Nachtigall.

         

        Der Kuckuck mit seinem Schreien

        Macht fröhlich jedermann!

        Des Abends fröhlich reihen

        Die Mädlein wohlgetan;        

        Spazieren zu den Brunnen

        Bekränzen sie zur Zeit,

        Alle Welt sich freut in Wonnen

        Mit Reisen fern und weit.

         

        Es grünet in dem Walde,

        Die Blumen blühen frei,

        Die Röslein auf dem Feld

        Von Farben mancherlei,

        Ein Blümlein steht im Garten,

        Das heißt Vergissnitmein,

        Das edle Kraut zu warten

        Macht guten Augenschein.

         

        Ein Kraut wächst in der Aue

        Mit Namen Wohlgemut,

        Liebt sehr die schönen Frauen,

        Dazu die Holderblüt,

        Die weiß und rote Rosen

        Hält man in großer Acht,

        Tut’s Geld darum verlosen,

        Schöne Kränze daraus macht.

         

        Das Kraut Jelängerjelieber

        An manchem Ende blüht,

        Bringt oft ein heimlich Fieber,

        Wer sich nicht dafür hüt;

        Ich hab es oft vernommen,

        Was dieses Kraut vermag,

        Doch kann man dem vorkommen,

        Wem lieb ist jeder Tag.

         

        Des Morgens in dem T aue

        Die Mädlein grasen gehn,    

        Gar lieblich sich anschauen

        Bei schönen Blümlein stehn,     

        Daraus sie Kränzlein machen

        Und schenkens ihrem Schatz.

        Tun freundlich ihn anlachen

        Und geben ihm ein Schmatz.

         

        Darumb lob ich den Sommer,

        Darzu den Maien gut,

        Der wendet allen Kummer

        Und bringt uns Freud und Mut;

        Der Zeit will ich genießen,         

        Dieweil ich Pfennig hab;

        Und den es tut verdrießen,

        Der fall die Stiegen herab!

                                     aus: Des Knaben Wunderhorn

 

    Friedrich Spee von Langenfeld  (1591 – 1835) – Trutznachtigall

    Lob Gottes auß einer weitleuffigen Poëtischen

    beschreibung der frölichen SommerZeit. [22]

     1.

     Jetzt wicklet sich der Himmel auff

       Jetzt wegen sich die Räder

    Der Frühling rüstet sich zum lauff

       Vmgürt mitt Rosenfeder

    O wol, wie scheinbar, frisch, vnd kraus!

       Wie glantzend Elementen!

    Nitt mögens halber sprechen auß

       Noch Redner, noch Scribenten.

       O Gott, ich sing von hertzen mein,

       Gelobet muß der Schöpffer sein.

     2.

     Du schnelle Post, o schöne Sonn!

       O gülden Roß, vnd Wagen!

    O reines Rad, auff reinem Brunn

       Mitt zartem glantz beschlagen!

    Jetzt schöpffest vns den besten Schein,

       So Winters war verlohren,

    Da Rad, vnd Eymer schienen sein

       Von Kelt gar angefroren.

       O Gott ich sing von hertzen mein,

       Gelobet muß der Schöpffer sein.

    3.

     O reines Jahr! O schöner tag!

       O Spiegelklare zeiten!

    Zur Sommerlust nach Winterklag

       Der Frühling vns wird leiten.

    Jm lufft ich hör die Music schon,

       Wie sichs mitt ernst bereite,

    Daß vns empfang mitt süssem ton,

       Vnd lieblich hinn begleite.

       O Gott ich sing von hertzen mein,

       Gelobet muß der Schöpffer sein.

     4.

     Für vns die schöne Nachtigal

       Den Sommer laut begrüsset,

    Jhr Stimmlein vber Berg, vnd Thal

       Den gantzen lufft versüsset.

    Die vöglein zart in grosser meng

       Büsch, Heck, vnd Feld durchstreiffen,

    Die Nester schon seind ihn zu eng,

       Der Lufft klingt voller Pfeiffen

       O Gott ich sing von hertzen mein

       Gelobet muß der Schöpffer sein.

             (gekürzt)  s. Motivkreis Trutznachtigall

 

          Paul Gerhardt (1607 – 1676)

          Sommer-Gesang

          Geh aus mein Herz, und suche Freud

          In dieser lieben Sommerzeit

          An deiens Gottes Gaben:

          Schau an der schönen Gärten Zier,

          Und siehe, wie sie mir uns dir

          Sich ausgeschmücket haben.

           

          Die Bäume stehen voller Laub,

          Das Erdreich decket seinen Staub

          Mit einem grünen Kleide:

          Narzissus und die Tulipan,

          Die ziehen sich viel schöner an

          Als Salomonis Seide.

           

          Die Lerche schwingt Sich in die Luft,

          Das Täublein fleucht aus seiner Kluft

          Und macht sich in die Wälder:

          Die hochbegabte Nachtigall

          Ergötzt und füllt mit ihrem Schall

          Berg, Hügel, Tal und Felder.

           

          Die Glucke führt ihr Völklein aus,

          Der Storch baut und bewohnt sein Haus,

          Das Schwälblein speist die Jungen;

          er schnelle Hirsch, das leichte Reh

          Ist froh und kommt aus seiner Höh

          Ins tiefe Gras gesprungen.

           

          Die Bächlein rauschen in dem Sand

          Und malen sich und ihren Rand

          Mit schattenreichen Myrthen:

          Die Wiesen liegen hart dabei

          Und klingen ganz vom Lustgeschrei

          Der Schaf und ihrer Hirten.

           

          Die unverdrossne Bienenschar

          Zeucht hin und her, sucht hier und dar

          Ihr' edle Honigspeise:

          Des süßen Weinstocks starker Saft

          Bringt täglich neue Stärk und Kraft

          In seinem schwachen Reise.

           

          Der Weizen wachset mit Gewalt,

          Darüber jauchzet jung und alt

          Und rühmt die große Güte

          Des, der so überflüssig labt

          Und mit so manchem Gut begabt

          Das menschliche Gemüte.

           

          Ich selbsten kann und mag nicht ruhn:

          Des großen Gottes großes Tun

          Erweckt mir alle Sinnen:

          Ich singe mit, wenn alles singt,

          Und lasse, was dem Höchsten klingt

          Aus meinem Herzen rinnen.

                                                 (gekürzt)

     

        Friedrich Gottlieb Klopstock (1723 – 1803)

        Die Sommernacht

        Wenn der Schimmer von dem Monde nun herab

           In die Wälder sich ergießt, und Gerüche

             Mit den Düften von der Linde

               In den Kühlungen wehn;

         

        So umschatten mich Gedanken an das Grab

           Der Geliebten, und ich seh in dem Walde

             Nur es dämmern, und es weht mir

               Von der Blüte nicht her.

         

        Ich genoss einst, o ihr Toten, es mit euch!

           Wie umwehten uns der Duft und die Kühlung,

             Wie verschönt warst von dem Monde,

               Du o schöne Natur!

                                                                     (1766)

       

      Johann Georg Jacobi ( 1740 – 1814)

      Der Sommertag

      Wie Feld und Au

      So blinkend im Tau!

      Wie perlenschwer

      Die Pflanzen umher!

      Wie durch den Hain

      Die Lüfte so rein!

      Wie laut im hellen Sonnenstrahl

      Die süßen Vöglein allzumal!

       

      Ach, aber da,

      Wo Liebchen ich sah,

      Im Kämmerlein,

      So nieder und klein,

      So rings bedeckt,

      Der Sonne versteckt -

      Wo blieb die Erde weit und breit

      Mit aller ihrer Herrlichkeit?

                                                                 (1776)

      Goethe hatte 1815 das Lied irrtümlich in seine Werke aufgenommen.

 

      Johann Wolfgang Goethe ( 1749 – 1832)

      Der Guckuck wie die Nachtigall,

      Sie möchten den Frühling fesseln,

      Doch drängt der Sommer schon überall

      Mit Disteln und mit Nesseln.

      Auch mir hat er das leichte Laub

      An jenem Baum verdichtet,

      Durch das ich sonst zu schönem Raub

      Den Liebesblick gerichtet;

      Verdeckt ist mir das bunte Dach,

      Die Gitter und die Pfosten;

      Wohin mein Auge spähend brach,

      Dort ewig bleibt mein Osten.

       

             aus: Chinesisch-deutsche Jahres- und Tageszeiten VI. Berliner Musenalmanach  1830                            (Osten  lokalisiert die Richtung der aufgehenden Sonne und ist hier Metapher der  Geliebten.)

 

          Joseph von Eichendorff ( 1788 – 1857)

           Sehnsucht

          Es schienen so golden die Sterne,
          Am Fenster ich einsam stand
          Und hörte aus weiter Ferne
          Ein Posthorn im stillen Land.
          Das Herz mir im Leibe entbrennte,
          Da hab ich mir heimlich gedacht:
          Ach, wer da mitreisen könnte
          In der prächtigen Sommernacht!
           
          Zwei junge Gesellen gingen
          Vorüber am Bergeshang,
          Ich hörte im Wandern sie singen
          Die stille Gegend entlang:
          Von schwindelnden Felsenschlüften,
          Wo die Wälder rauschen so sacht,
          Von Quellen, die von den Klüften
          Sich stürzen in die Waldesnacht.
           
          Sie sangen von Marmorbildern,
          Von Gärten, die überm Gestein
          In dämmernden Lauben verwildern,
          Palästen im Mondenschein, 
          Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
          Wann der Lauten Klang erwacht
          Und die Brunnen verschlafen rauschen
          In der prächtigen Sommernacht.

                                           (1834)

 

        Karl Mayer (1786 – 1870) 

        Sommerreise

        Blaudunkler, als die Lüfte blühn,

        Sahn Nelken aus dem Saatengrün.

        Den schönsten Farbengruß entbot

        Durchsichtig, feuerpurpurrot

        Der Ackermohn dem Sonnentag,

        Und oben das Entzücken lag

        Als Lerchensang in klarer Luft,

        Berauscht von süßem Segensduft,

        Da gab es viel zu stehn, zu preisen

        Und langsam ging es mit dem Reisen.

 

 

            Annette von Droste – Hülshoff (1797 – 1848)

            Im Grase

            Süße Ruh', süßer Taumel im Gras,

            Von des Krautes Arom' umhaucht,

            Tiefe Flut, tief, tief trunkne Flut,

            Wenn die Wolke am Azure verraucht,

            Wenn aufs müde schwimmende Haupt

            Süßes Lachen gaukelt herab,

            Liebe Stimme säuselt und träuft

            Wie die Lindenblüt' auf ein Grab.

             

            Wenn im Busen die Toten dann,

            Jede Leiche sich streckt und regt,

            Leise, leise den Odem zieht,

            Die geschloßne Wimper bewegt,

            Tote Lieb', tote Lust, tote Zeit,

            All die Schätze, im Schutt verwühlt,

            Sich berühren mit schüchternem Klang

            Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.

             

            Stunden, flücht'ger ihr als der Kuß

            Eines Strahls auf den trauernden See,

            Als des ziehnden Vogels Lied,

            Das mir niederperlt aus der Höh',

            Als des schillernden Käfers Blitz

            Wenn den Sonnenpfad er durcheilt,

            Als der flücht'ge Druck einer Hand,

            Die zum letzten Male verweilt.

             

            Dennoch, Himmel, immer mir nur

            Dieses eine nur; für das Lied

            Jedes freien Vogels im Blau

            Eine Seele, die mit ihm zieht,

            Nur für jeden kärglichen Strahl

            Meinen farbig schillernden Saum,

            Jeder warmen Hand meinen Druck

            Und für jedes Glück einen Traum.

 

 

      August H.  Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874)

      Wie freu' ich mich der Sommerwonne!

                             27. Januar 1872.

      Wie freu' ich mich der Sommerwonne,

      Des frischen Grüns in Feld und Wald,

      Wenn's lebt und webt im Glanz der Sonne

      Und wenn's von allen Zweigen schallt!

       

      Ich möchte jedes Blümchen fragen:

      Hast du nicht einen Gruß für mich?

      Ich möchte jedem Vogel sagen;

      Sing, Vöglein, sing und freue dich!

       

      Die Welt ist mein, ich fühl' es wieder:

      Wer wollte sich nicht ihrer freu'n,

      Wenn er durch frohe Frühlingslieder

      Sich seine Jugend kann erneu'n?

       

      Kein Sehnen zieht mich in die Ferne,

      Kein Hoffen lohnet mich mit Schmerz:

      Da wo ich bin, da bin ich gerne,

      Denn meine Heimat ist mein Herz.

     

           

     Friedrich Hebbel (1813 – 1863)

    Sommerbild

    Ich sah des Sommers letzte Rosen stehn,

    Sie  war, als ob sie bluten könne, rot;

    Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:

    So weit im Leben, ist zu nah am Tod!

     

    Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,

    Nur leise strich ein weißer Schmetterling;

    Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag

    Bewegte, sie empfand es und verging.

     

     

          Conrad Ferdinand Meyer ( 1825 –1898)

           Schwüle

           Trüb verglomm der schwüle Sommertag,

          Dumpf und traurig tönt mein Ruderschlag –

          Sterne, Sterne – Abend ist es ja –

          Sterne, warum seid ihr noch nicht da?

           

          Bleich das Leben! Bleich der Felsenhang!

          Schilf, was flüsterst du so frech und bang?

          Fern der Himmel und die Tiefe nah –

          Sterne, warum seid ihr noch nicht da?

           

          Eine liebe, liebe Stimme  ruft

          Mich beständig aus der Wassergruft –

          Weg, Gespenst, das oft ich winken sah!

          Sterne, Sterne, seid ihr nicht mehr da?

           

          Endlich, endlich durch das Dunkel bricht

          Es war Zeit! Ein schwaches Flimmerlicht –

          Denn ich wusste nicht, wie mir geschah.

          Sterne, Sterne, bleibt mir immer nah!

 

 

        Detlev von Liliencron  (1844 – 1909)

        Einen Sommer lang

        Zwischen Roggenfeld und Hecken

        Führt ein schmaler Gang,

        Süßes, seliges Verstecken

        Einen Sommer lang.

         

        Wenn wir uns von ferne sehen

        Zögert sie den Schritt,

        Rupft ein Hälmchen sich im Gehen,

        Nimmt ein Blättchen mit.

         

        Hat mit Ähren sich das Mieder

        Unschuldig geschmückt,

        Sich den Hut verlegen nieder

        In die Stirn gerückt.

         

        Finster kommt sie langsam näher,

        Färbt sich rot wie Mohn,

        Doch ich bin ein feiner Späher,

        Kenn die Schelmin schon.

         

        Noch ein Blick in Weg und Weite,

        Ruhig liegt die Welt,

        Und es hat an ihre Seite

        Mich der Sturm gesellt.

         

        Zwischen Roggenfeld und Hecken

        Führt ein schmaler Gang,

        Süßes, seliges Verstecken

        Einen Sommer lang.

          *

 

          Arno Holz (1863 – 1929)

          Die uralte Kornfeldlinde

     

        Aus einem Kornfeld, schräg zum See,

          schaltend, uralt,

      rindenrissig, krummknorrig, breitästig, blitzdurchspalten,

          bröckelnd voll Lehm,

            hob sich

              die

            Linde.

     

            Auf

          schmalem Fußweg,

           plauschplappernd, schlendernd, frohlässig,

             an ihr vorbei,

             zwischen

           Raden, Klatschmohn, bunten Wicken,

          Zyanen, Thymian,

             Löwenmaul und Kamillen,

        jeden Nachmittag, durch die Juliglut,

            zum

          Baden. . . .wir . . .Jungens!

     

            Der

               strahlend

               reine, hohe, blaue

            Himmel;

            die

          hundert-, hundert-

            und

          aberhunderttausend

             kleinen, süßduftend zarten,

            klöppelig,

          lichtgelblich, fädchenfein

            hangenden

        Blütenglöckchen... das... Bienengesumm!

     

            Und

               noch immer,

          wenn die anderen alle

            längst

             unten waren,

             aus dem Wasser klang ihr

            Lachen,

          Plätschern und Geschrei,

            stand ich.

     

            Und

        sah den Himmel... und ... hörte die Bienen

            und

          sog... den ... Duft!

 

                         *

    Stefan George  (1868 – 1939)

    JULI-SCHWERMUT

                                                 An Ernst Dowson

         Blumen des sommers duftet ihr noch so reich:

         Ackerwinde im herben saatgeruch

    Du ziehst mich nach am dorrenden geländer

    Mir ward der stolzen gärten sesam fremd.

     

         Aus dem vergessen lockst du träume: das kind

         Auf keuscher scholle rastend des ährengefilds

    In ernte-gluten neben nackten schnittern

    Bei blanker sichel und versiegtem krug.

     

         Schläfrig schaukelten wespen im mittagslied

         Und ihm träufelten auf die gerötete stirn

    Durch schwachen schutz der halme-schatten

    Des mohnes blätter: breite tropfen blut.

     

         Nichts was mir je war raubt die vergänglichkeit.

         Schmachtend wie damals lieg ich in schmachtender flur

    Aus mattem munde murmelt es: wie bin ich

    Der blumen müd . der schönen blumen müd!  

     

                                   (1910)

          Rainer Maria Rilke ( 1875 – 1926)

          Das Rosen-Innere

           Wo ist zu diesem Innen

          ein Außen? Auf welches Weh

          legt man solches Linnen?

          Welche Himmel spiegeln sich drinnen

          in dem Binnensee

          dieser offenen Rosen,

          dieser sorglosen, sieh:

          wie sie lose im Losen

          liegen, als könnte nie

          eine zitternde Hand sie verschütten.

          Sie können sich selber kaum

          halten; viele ließen

          sich überfüllen und fließen

          über von Innenraum

          in die Tage, die immer

          voller und voller sich schließen,

          bis der ganze Sommer ein Zimmer

          wird, ein Zimmer in einem Traum.

 

 

      Ernst Stadler ( 1883 – 1914)

      Die Rosen im Garten

      Die Rosen im Garten blühn zum zweiten Mal.

      Täglich schießen sie in dicken Bündeln

      In die Sonne. Aber die schwelgerische Zartheit ist dahin,

      Mit der ihr erstes Blühen sich im Hof des weiß und roten Sternfeuers wiegte.

      Sie springen gieriger, wie aus aufgerissenen Adern strömend,

      Über das heftig aufgeschwellte Fleisch der Blätter.

      Ihr wildes Blühen ist wie Todesröcheln,

      Das der vergehende Sommer in das ungewisse Licht des Herbstes trägt.

 

 

          Alfred Lichtenstein (1883 – 1914)

          Sommerabend

          Faltenlos sind alle Dinge,

          Wie vergessen, leicht und matt.

          Heilighoch spült grüner Himmel

          Stille Wasser an die Stadt.

           

          Fensterschuster leuchten gläsern.

          Bäckerläden warten leer.

          Straßenmenschen schreiten staunend

          Hinter einem Wunder her.

           

          ... Rennt ein kupferroter Kobold

          Dächerwärts hinauf, hinab.

          Kleine Mädchen fallen schluchzend

          Von Laternenstöcken ab.

                        (1912)

 

      Joachim Ringelnatz (Hans Bötticher) 1883 – 1934)

      Sommerfrische

      Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolken-weiß,

      Das durch den sonnigen Himmel schreitet.

      Und schmücke den Hut, der dich begleitet,

      Mit einem grünen Reis.

       

      Verstecke dich faul in die Fülle der Gräser.

      Weil's wohltut, weil's frommt.

      Und bist du ein Mundharmonikabläser

      Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

       

      Und lass deine Melodien lenken

      Von dem freigegebenen Wolkengezupf.

      Vergiss dich. Es soll dein Denken

      Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.

            *

             

        Max Herrmann-Neiße (1886 – 1941)

        Sommermittag am See

         

        Der Mittag träumt. Der See bewegt sich träge.

        Im einsam weißen Haus klagt das Klavier.

        Die Uhr macht langsam ihre Stundenschläge.

        Auf heißem Stein sonnt sich ein Katzentier.

         

        Im Strandbad lassen sich die Menschen schmoren,

        es riecht  so sommerlich nach Holz und Teer.

        Man fühlt sich ohne Pflichten, weltverloren,

        und spürt den nahen Süden und sein Meer.

         

        Indes in all den leeren Straßen drüben

        gigantisch gähnend das Verdaun gedeiht,

        der Essen Dünste jetzt die Lüfte trüben,

        hält ihren Schlummer ungestört die Zeit.

         

        Ein Flieger zieht am Himmel in die Weite,

        es nahen sich Gewitterwölkchen sacht.

        Und seltsam winterlich starrt das beschneite

        Gebirge fern in seiner kalten Pracht.

         

                                                                                 (Juni oder Juli 1933)

        Max Herrmann-Neiße (1886 – 1941)

        Sommernacht

         

        Vor deinen Sternen hab ich nicht Bestand,

        du Sommernacht geschwisterlicher Nähe:

        was Gutes auch durch meine Hand geschähe,

        ist nichts vor deiner Ewigkeiten Brand!

         

        Wohl steh ich, groß genug wie du entflammt;

        Doch kurze Zeit nur, und die Glut verlischt,

        kaum, daß Unfaßliches dem Blut sich mischt,

        schon liegt es wieder träge und verschlammt.

         

        Um so viel erdendumpfer währt mein Schlaf,

        je menschvergeßner ich mich übernahm.

        Zuletzt folgt jedem Werk nur tiefe Scham,

        und Herrenspiel büß ich als ärmster Sklav’.

         

        Des Astes Schatten an der Gartenwand

        könnte mich töten, wenn ich nach ihm sähe;

        hab’ ich vor dieser Sommernächte Nähe,

        noch vor dem fernsten Stern doch nicht Bestand.

                                                             (25. 07. 1922)

         

         

          Georg Trakl (1887 – 1914)

          Sommersneige

          Der grüne Sommer ist so leise

          Geworden, dein kristallenes Antlitz.

          Am Abendweiher starben die Blumen,

          Ein erschrockener Amselruf.

           

          Vergebliche Hoffnung des Lebens. Schon rüstet

          Zur Reise sich die Schwalbe im Haus

          Und die Sonne versinkt am Hügel;

          Schon winkt zur Sternenreise die Nacht.

           

          Stille der Dörfer; es tönen rings

          Die verlassenen Wälder. Herz,

          Neige dich nun liebender

          Über die ruhige Schläferin.

           

          Der grüne Sommer ist so leise

          Geworden und es läutet der Schritt

          Des Fremdlings durch die silberne Nacht.

          Gedächte ein blaues Wild seines Pfads,

           

          Des Wohllauts seiner geistlichen Jahre!                     

              *

       

        Ernst Blass (1890  - 1939)

        Der Sommer war ...

         

        Der Sommer war opalen, und es fanden

        Verschiedner Menschen Blick und Stimmen statt.

        Unmerklich glitten wir durch Glasveranden

         

        (An Kaffeetischen sitzend, große Fische,

        Meerpflanzen, glasig, langsam sich bewegend,

        Weißlich und lächelnd. Aber gegenüber

        War stets die offne Muschel deines Mundes)

         

        Und trieben immer schneller, um zu landen

        Im vollen Leben einer grauen Stadt.

         

                *

         

        Ernst Blass (1890  - 1939)

        Sommernacht

         

        Das Sternbild vor mir heißt »Der große Bär«.

        Und von den Menschen seh ich nur die Schatten

        Und hör sie trällern nur die dummen, platten

        Kupletchen, die da schwärmen vom Begatten

        Und daß das das allein Reelle wär.

         

        Durch stille Hauche keucht ein Katerschrei.

        Doch Wolken wölben sich monumental

        Da vorne, urhaft, wie ein Grönlandswal.

        Und ohne Schicksal sitzt ganz groß und kahl

        Der Mond vor seiner Riesenstaffelei.

         

                       *                                                             (1912)

 

          Johann Spratte © (1901 – 1991)

          Sommerhimmel

           

          Eine kleine

          weiße Wolke

          zog vorüber.

          Was blieb ist Bläue.

          Der Himmel

          hat keine Bezirke.

     

    (aus: Johann Spratte,  Zeit der Schwalben. Gedichte, Lechte Verlag

     Emsdetten 1975, S. 32)

     

          Johann Spratte © (1901 – 1991)

          Sommer

           

          Der Sommer

          ist ähnlich so wie der Winter,

          nur mit Blättern, und ohne Mantel,

          aber mit Mücken.

          Außerdem sind im Sommer

          die Tage länger,

          das kommt von den kurzen Nächten.

           

          Im Sommer

          stellt der liebe Gott die Heizung an.

          (Warum tut er das nicht im Winter,

          wo es im Sommer doch sowieso

          warm genug ist.)

     

    aus: Johann Spratte, Gelber Wiesenmond. Ausgewählte Gedichte.,

     Lechte Verlag Emsdetten 1980, S. 96)

    Ich danke ganz herzlich  dem Sohn des Autors, Herrn Wido Spratte, Wallenhorst/ Lechtingen, für die freundliche Abdruckerlaubnis;  Februar 2011 siehe auch:                       

                          

 

 

        Horst Bingel (1933 – 2008)

        Sommer

         

        Weißt du, als der Wind stillstand,

        erinnere dich, die Schar der Raben,

        die Hasenparade, die eine Nacht

        im Sommer, im Mond.

        Nein, ich bin es nicht.

        Ich bin nicht Postbote im Postamt zwo,

        weißt du, der eine Tag im August?

         

        Du duftest nicht mehr nach Heu.

        Wollen wir heute abend ins Kino gehen?

        Freitag, hast du an Fisch gedacht?

        Im nächsten Urlaub fahren wir zwei,

        wie damals, nach Mallorca.

              *

             s. auch Motivkreis Liebe

 aus: Horst Bingel, Den Schnee besteuern.  Gedichte. Hrsg. von Werner Bucher und Virgilio Masciadri.

 orte-Verlag,  Oberegg und Zürich 2009, S. 72 - Frau Barbara Bingel ganz herzlichen Dank für die

 Abdruckerlaubnis.

                       *

             

            Peter Härtling (*1933)

            Im Juni

             

            Das gestapelte Holz

            beginnt auszutrocknen

            und zu wispern.

            Endlich kannst du

            mit dem Löffel

            gegen die Tasse

            schlagen

            und den Morgen einläuten.

            Ich frage dich,

            welchen Sommer haben

            wir

            und welches Frühjahr ist uns

            ohne Nachlaß

            vergangen?

            Die Gäste vom Vorjahr

            haben ihre Stühle

            in den Schatten

            gerückt.

            Wir beginnen ein

            Gespräch

            und überlassen es

            ihnen.

            Dein Schweigen hebe ich auf

            für den Nachmittag,

             

                     *

  (aus: Die Mörsinger Pappel. Gedichte. Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied 1987 S. 56)

      Ich danke dem Autor ganz herzlich für die Abdruckerlaubnis; 09. 05. 2011)

 

 

        Erich  Adler   (* 1944)

        Digitalis

                                             Für  R. K. - 09. 08. ’07

        . . . ein stück des wegs

        kam mir sein Brief entgegen

        ganz ohne Krallen

        streichen mir die Zeilen über das Fell

        das sich glättet in diesem

        steinigen Sommer

        bei jedem

        aufrechten

        Wort.

                                     *

 

                                         heiß, aber noch nicht copyfrei:

 

   Gottfried Benn (1886 -1956)   Astern (Astern -, schwälende Tage)

                                       Tag der den Sommer endet

                                               Einsamer nie ... (Einsamer nie als im August)

   Rose Ausländer (1901 – 1988) Spätsommer (Die Farben der Anemonen/ werden bleich)

   Günter Eich (1907 - 1972) Ende eines Sommers (Wer mochte leben ohne den Trost der

                                                                                                                                   Bäume!)

   Christine Lavant (1915 – 1973) Aus den Steinen bricht der Schweiß

   Ernst Jandl  (1925 – 2000)   Sommerlied (wir sind die menschen auf den wiesen)

   Ingeborg Bachmann  (1926 – 1973)  Die große Fracht ( - des Sommers ist verladen)

   Reiner Kunze (* 1933) Verregneter Sommer (Morgen für morgen blickst du ins Land

                                                                                             ob die kuppeln der kirchtürme)

   Sarah Kirsch (* 1935) Im Sommer (Dünnbesiedelt das Land)

   Rolf Dieter Brinkmann (1940 – 1975)  Einen jener klassischen (schwarzen Tangos in Köln,

                                                                                                         Ende des Monats August)

                                           Die Orangensaftmaschine (dreht sich & Es ist gut,

                                                                                   dass der Barmann) 

   

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 Im Sommer ‘ne gute Figur machen?

     Übung für Fortgeschrittene:

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Sandra Heick © herzlichen Dank für den “Weißling”.   Schön, wenn auch anders, ist ihr Frosch -    Humor “   auf einer Ente”, der Fuchs am Morgen, Katz und Maus  “Krümel” (Charakteristik) und Einsam (Gebrauchslyrik)

> Stilfiguren -  Reiner Kunze: Zimmerlautstärke