Lyrikinterpretation und Gedichtvergleich (Barock – Expressionismus)

         Aufgabe:

   Analysieren und interpretieren Sie die beiden Gedichte unterschiedlicher Epochen nach Inhalt und Form und                                                                        nehmen Sie einen Gedichtvergleich vor!

 

    Andreas Gryphius ( 1616 – 1664)

     Menschliche Elende

     WAs sind wir Menschen doch? ein Wohnhauß grimmer Schmertzen

        Ein Ball des falschen GlĂŒcks / ein Irrlicht diser Zeit.

        Ein Schauplatz herber Angst / besetzt mit scharffem Leid /

    Ein bald verschmeltzter Schnee und abgebrante Kertzen.

    Diß Leben fleucht davon wie ein GeschwĂ€tz und Schertzen.

        Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid

        Vnd in das Todten-Buch der grossen Sterblikeit

    LĂ€ngst eingeschriben sind / sind uns aus Sinn und Hertzen.

        Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfĂ€llt /

        Vnd wie ein Strom verscheust / den keine Macht auffhĂ€lt:

    So muß auch unser Nahm / Lob / Ehr und Ruhm verschwinden /

        Was itzund Athem holt /muß mit der Lufft entflihn /

        Was nach uns kommen wird / wird uns ins Grab nachzihn

    Was sag ich? wir vergehn wie Rauch von starcken Winden.

 

 

    Georg Heym (1887 – 1912)

     Die Irren

     

    Der Mond tritt aus der gelben Wolkenwand.

    Die Irren hÀngen an den GitterstÀben,

    Wie große Spinnen, die an Mauer kleben.

    Entlang den Gartenzaun fÀhrt ihre Hand.

 

    In offnen SĂ€len sieht man TĂ€nzer schweben.

    Der Ball der Irren ist es. Plötzlich schreit

    Der Wahnsinn auf. Das BrĂŒllen pflanzt sich weit,

    Daß alle Mauern von dem LĂ€rme beben.

 

    Mit dem er eben ĂŒber Hume* gesprochen,

    Den Arzt ergreift ein Irrer mit Gewalt.

    Er liegt im Blut. Sein SchÀdel ist zerbrochen.

 

    Der Haufen Irre schaut vergnĂŒgt. Doch bald

    Enthuschen sie, da fern die Peitsche knallt,

    Den MĂ€usen gleich, die in die Erde krochen.

                                                                                (Juni 1910)

    * Hume = engl. Philosoph

 

                       Interpretationen der Gedichte:

                 Menschliche Elende (Andreas Gryphius) - Die Irren (Georg Heym)

 

Das Gedicht „Menschliches Elende“ wurde 1637 von Andreas Gryphius verfasst. Gryphius gehört zu den bedeutendsten Dichtern des Barock. Sein Gedicht thematisiert den Tod und die VergĂ€nglichkeit alles menschlichen und irdischen Seins.

Das Gedicht besteht aus insgesamt 14 Zeilen. SĂ€mtliche Verse stehen in sechshebigen Jamben, beim Versmaß handelt es sich um einen Alexandriner. Das Reimschema ist abba  abba  ccd  eed. Es teilt die Verse formal in zwei Quartette und zwei Terzette. Die Quartette weisen umarmende Reime auf, die Terzette bilden einen Schweifreim. Das Gedicht kann also eindeutig als Sonett identifiziert werden. AuffĂ€llig sind die zahlreichen Metaphern des Gedichts. Diese sind eine weit verbreitete Erscheinung in der barocken Lyrik. Die Leistung der Dichter wurde im Barock maßgeblich nach der Einhaltung bestimmter Formvorschriften bewertet. Zu diesen gehörte auch das BemĂŒhen der Dichter, das Gesagte in möglichst prunkvolle sprachliche GewĂ€nder zu kleiden. FĂŒr den Leser ergibt sich aus der reichen Metaphorik eine besondere Wirkung der Lyrik. Die Bilder bieten Raum zur Interpretation und erlauben z.T. ein unterschiedliches Verstehen des Gesagten.  

 

Das Gedicht beginnt mit einer direkten Ansprache des Lesers durch das lyrische Ich in Form einer rhetorischen Frage: „Was sind wir Menschen doch?...“ (Z.1). Dadurch, dass das lyrische Ich „wir“ sagt, macht es den Leser automatisch zum VerbĂŒndeten und Mitbetroffenen. Vom Leser wird keine Antwort auf die Frage erwartet, vielmehr folgt die Darstellung der Situation des Menschen so, wie sie das lyrische Ich empfindet. Der Mensch wird dargestellt als ein „Wohnhaus grimmer Schmerzen“, als „Ball des falschen GlĂŒcks“, als „Irrlicht“ und mit scharfem Leid besetztes Wesen (Z.1-3). Diese Darstellung entspricht demjenigen LebensgefĂŒhl, welches bei vielen Menschen zur Zeit des Barock vorherrschte. Die Epoche war geprĂ€gt von MĂŒhsal und Leid. Die Menschen hatten unter dem dreißigjĂ€hrigen Krieg zu leiden, der ihnen Hunger, Seuchen, Tod und VerwĂŒstung bescherte. All diesem waren die Menschen ausgesetzt, ohne die Möglichkeit ihren LebensumstĂ€nden zu entfliehen. So werden die im Gedicht verwendeten Bilder des Balls und des Irrlichts verstĂ€ndlich, die das lyrische Ich fĂŒr den Menschen gebraucht. Der Mensch als Spielball des feindlichen Lebens, verirrt in den Wirren seiner Umwelt. Dies GefĂŒhl des Ausgeliefertseins und der Orientierungslosigkeit, fĂŒhrt dem Menschen seine VergĂ€nglichkeit vor Augen. Diese kommt in den folgenden Zeilen des Gedichts zum Ausdruck: Die Metaphern des geschmolzenen Schnees und der abgebrannten Kerzen (Z.4) stehen fĂŒr die Sterblichkeit und VergĂ€nglichkeit der menschlichen Existenz. Es lĂ€sst sich das Motiv des „memento mori“ erkennen, welches einen zentralen Stellenwert in der barocken Lyrik besitzt, das Gedenken des allgegenwĂ€rtigen Todes.

Die Zeit, die dem Menschen auf der Erde bleibt ist kurz bemessen und wird von Tag zu Tag kĂŒrzer „Diß Leben fleucht davon, wie ein GeschwĂ€tz und Schertzen“ (Z.5) Im Gedicht heißt es: „Die vor und abgelegt des schwachen Leibes Kleid/und in das Todten- Buch der großen Sterblichkeit/LĂ€ngst eingeschrieben sind/ sind uns aus Sinn und Hertzen“ (Z. 6-8) Erneut wird die VergĂ€nglichkeit unterstrichen. Diejenigen, die gestorben sind, werden schnell vergessen. Zum einen stellen diese Verse eine besonders pessimistische Sichtweise des lyrischen Ichs dar: Sobald ein Mensch tot ist, verschwendet niemand mehr einen Gedanken an das gewesene Leben, der Gestorbene verschwindet aus dem Sinn der anderen. Vielleicht lĂ€sst sich aber auch hier ein Bezug zu den LebensumstĂ€nden der Menschen im Barock herstellen: In Zeiten, in denen z.B. Seuchen grassierten, starben die Menschen so zahlreich, dass ein langes Nachsinnen oder Trauern fĂŒr die Anderen nicht möglich war. Es galt vielmehr, auf sein eigenes Überleben zu achten, die Toten z.B. zu verbrennen um die Seuche einzudĂ€mmen.

Der Tod kommt unaufhaltsam, wie ein Strom, den keine Macht aufzuhalten vermag (Z.10) und tilgt nicht nur das Leben des Menschen von der Erde, sondern auch all das, was dieser Mensch in seinem Leben erreicht und geschaffen hat: „So muß auch unser Nahm/ Lob/ Ehr und Ruhm verschwinden...“ (Z.11) In dieser Feststellung des lyrischen Ichs erschein ein weiteres barockes Motiv, das „vanitas- Motiv“. Alles menschliche auf der Erde ist vergĂ€nglich und hat keinen Bestand. Selbst die Zukunft stellt fĂŒr das lyrische Ich keinen Raum fĂŒr Hoffnung dar: „Was nach uns kommen wird/ wird uns ins Grab nachzihn“ (Z.13). Hier zeigt sich sehr eindrĂŒcklich, wie sehr das Denken des lyrischen Ichs von Tod und VergĂ€nglichkeit geprĂ€gt ist. Selbst in kommenden Generationen sieht es nicht zuerst das jugendliche Potential, das Leben, das diese Menschen noch vor sich haben, sondern auch hier stehen fĂŒr das lyrische Ich bereits VergĂ€nglichkeit und Todesgewissheit im Vordergrund. Der letzte Vers des Gedichts bringt das zuvor Entwickelte noch einmal auf den Punkt: “Was sag ich? Wir vergehn wie Rauch von starcken Winden.“ Das Einleiten des abschließenden Verses mit der Frage „Was sag ich?“ hat eine besondere Bedeutung. Sie macht klar, dass das Gesagte fĂŒr das lyrische Ich vollkommen selbstverstĂ€ndlich erscheint. Die im Gedicht erfolgte genaue Darstellung der Situation wĂ€re eigentlich nicht notwendig gewesen um die traurige, pessimistische Botschaft zu verstehen. Besonders eindrĂŒcklich wirkt die Schlussmetapher: Der Mensch wird sterben und vergehen, ohne sich dagegen wehren zu können, genau so wenig, wie Rauch sich gegen den Wind stemmen kann, der ihn davontreibt.

Der im Barock ebenfalls weit verbreitete religiöse Aspekt, der die auf den Tod folgende Erlösung von weltlichem Leid durch das Einziehen in das Himmelreich thematisiert, ist im Gedicht nicht festzustellen. Eben so wenig die antithetische GegenĂŒberstellung von Diesseits und Jenseits, welche in vielen Barockgedichten zu finden ist und dadurch entstand, dass die Menschen im Barock das irdische Leben oft nur als Vorbereitung auf das ewige Leben bei Gott sahen. Durch das Nichtvorhandensein dieser Aspekte vermittelt das Gedicht keinerlei Hoffnungsschimmer, die das negative, pessimistische Gesamtbild auflockern könnten.

 

Die Biographie Gryphius macht verstĂ€ndlich, warum er Gedichte wie das Vorliegende verfasst hat. WĂ€hrend seines Lebens war er selbst von großem Leid betroffen. Mit fĂŒnf Jahren verlor Gryphius seinen Vater, mit zwölf seine Mutter. Er war das einzige von sieben Kindern, dass das Erwachsenenalter erreichte. Mit siebzehn Jahren wird Gryphius Zeuge einer Pestepidemie in Schlesien, an der die HĂ€lfte der Bevölkerung zu Grunde geht. Der Dichter war also sein Leben lang mit Tod und Verderben in BerĂŒhrung. Dies lĂ€sst den Leser verstehen, warum in vielen seiner Gedichte eine pessimistische Weltsicht, sowie die Motive „memento mori!“ und „vanitas“ im Vordergrund stehen.

 

Die Irren (Georg Heym)

 Das Gedicht „Die Irren“ wurde 1910 geschrieben und gehört damit zeitlich in die Literaturepoche des Expressionismus (1905-1925). Der Titel ist zugleich Thema des Gedichts, welches den Einfall des Irrsinns in die Gesellschaft lyrisch zum Ausdruck bringt.

 Das vorliegende Gedicht besteht aus vier Strophen mit insgesamt 14 Zeilen, die auf zwei Quartette und zwei Terzette verteilt sind. Die Verse stehen in fĂŒnfhebigen Jamben und reimen im Schema abba bccb ded eed. Bei den Versenden der Quartette handelt es sich also um umarmende Reime wobei auffĂ€llt, dass im ersten Quartett zwischen dem zweiten und dem dritten Vers eine Assonanz besteht. Nach der Aufteilung der Strophen ließe sich auf ein Sonett schließen, diese Einordnung lĂ€sst jedoch das Reimschema nicht zu. Man kann daher sagen, dass es sich um eine Abwandlung der Sonettform handelt.

 Die erste Strophe enthĂ€lt eine Art Situationsbeschreibung. Dem Leser wird eine groteske, irreal wirkende Szenerie vor Augen gefĂŒhrt. Auffallend gleich zu Beginn des Gedichts ist die fĂŒr den Expressionismus typische Farbsymbolik: „Der Mond tritt aus der gelben Wolkenwand“ (Z.1). Was den Anfang der ersten Strophe so auffĂ€llig macht, ist die Beschreibung der Wolkenwand als gelb. Diese Farbe verleiht dem Vers eine alarmierende Besonderheit. Dem Leser wird augenblicklich klar, dass es sich bei dem folgenden Gedicht nicht um eine romantische, verklĂ€rte Naturbeschreibung handeln kann. Die Farbe Gelb löst im Leser Assoziationen aus, die im gegebenen Zusammenhang negativ behaftet sind. So neigt man dazu, gelbe Wolken mit Gift oder Verschmutzung zu verbinden. Die Unsicherheit, die im Leser durch diesen ersten Vers entsteht, wird im Folgenden ausgebaut. An GitterstĂ€ben hĂ€ngende Irre werden mit an Mauern klebenden Spinnen verglichen (Z. 2/3), und auf diesen Vergleich folgt der letzte Vers der ersten Strophe: „Entlang den Gartenzaun fĂ€hrt ihre Hand.“ (Z.4) Verbindet man alle Bilder miteinander wird klar, dass es sich um die Umschreibung einer Irrenanstalt handelt. Bei Nacht stehen die verrĂŒckt gewordenen, in der Anstalt eingesperrten Menschen an den, sie an der Flucht hindernden GitterstĂ€ben. Der Vergleich mit Spinnen als von vielen als ekelhaft oder erschreckend empfundenen Tieren unterstĂŒtzt die unheimliche Unberechenbarkeit der kranken Köpfe. Noch ist der Wahnsinn eingesperrt, doch der vierte Vers lĂ€sst Schlimmes ahnen: Die HĂ€nde der VerrĂŒckten suchen im Zaun nach Löchern, die eine Flucht ermöglichen könnten.

Die zweite Strophe vollzieht einen Schauplatz- und zunĂ€chst auch Stimmungswechsel. Den in der ersten Strophe geschaffenen Affekten der Unsicherheit und VerĂ€ngstigung steht das freudige, freundliche Bild eines mit TĂ€nzern gefĂŒllten Saals gegenĂŒber: „In offnen SĂ€len sieht man TĂ€nzer schweben“ (Z.5) Eine besondere Antithetik  besteht zwischen dem Wort „schweben“ und den in der ersten Zeile genannten Begriffen „Mauer“ und „GitterstĂ€be“. Die schwebenden, freien TĂ€nzer als Kontrast zu den gebundenen aber freiheitsgierigen Irren. Es bleibt jedoch bei der kurz aufblitzenden Antithetik. Plötzlich wird nĂ€mlich klar, dass auch die TĂ€nzer Irre sind: „Der Ball der Irren ist es. Plötzlich schreit der Wahnsinn auf...“ (Z.6/7) Selbst das vermeintlich Schöne und Normale ist vom Wahnsinn unterwandert. Mit dieser EnthĂŒllung wird der Wahnsinn zu einem kollektiven Problem erhoben. Nicht nur die paar armen Irren in ihrer Anstalt sind verrĂŒckt, in Wahrheit ist das Problem bei vielen Menschen vorhanden. Jeder kann der NĂ€chste sein, gleichgĂŒltig z.B. aus welcher gesellschaftlichen Schicht er stammt. Auch Ballbesucher, welche die Wohlstandsgesellschaft symbolisieren, sind vom Wahnsinn erfasst. Die gesamte Gesellschaft ist kollektiv betroffen.

Die Auswirkungen, die zerstörerische Macht der Geisteskrankheit werden in Vers sieben und acht versdeutlicht: “Das BrĂŒllen pflanzt sich weit, dass alle Mauern von dem LĂ€rme beben.“ Die Mauer als Symbol des Massiven und Standhaften, welche durch gerade Linien Klarheit schafft und stabilisiert, selbst sie wird von der Macht des Wahnsinns ins Wanken gebracht.

Der Wahnsinn ist eines der typischen Themen expressionistischer Lyrik. Er dient den Autoren dazu, den Sinnverlust und das in den gesellschaftlichen Massen verloren gegangene Individuum darzustellen. Diese im Expressionismus tiefgreifend empfundene Unsicherheit und die weit verbreitete Untergangsstimmung werden auch in der dritten und vierten Strophe des Gedichts deutlich: „Mit dem er eben ĂŒber Hume gesprochen, den Arzt ergreift ein Irrer mit Gewalt. Er liegt im Blut. Sein SchĂ€del ist zerbrochen.“ (Z.9-11). Die dritte Strophe enthĂ€lt gleich mehrere interessante Aspekte. Am einfachsten zu deuten ist dabei die Begebenheit, dass der Arzt, das Symbol der Heilung und der Linderung von Leid, vom Irrsinn umgebracht wird. Mit der  direkten Darstellung des Toten, der mit zerschlagenem SchĂ€del in seinem Blut liegt, kommt ein typisches Stilmittel der expressionistischen Lyrik ansatzweise zur Anwendung. Es wird ein Sich- Abwenden von der althergebrachten, traditionellen Ästhetik deutlich. Konkrete, radikale Darstellungen von Tod und Leid nutzen die Autoren, um WahrnehmungsverĂ€nderungen und den Einfluss der als dem Untergang geweiht empfundenen Umwelt mit dieser sogenannten „Ästhetik des HĂ€sslichen“ auszudrĂŒcken. Auch wenn es sehr viel radikalere Darstellungen gibt als sie hier zu Ausdruck kommt, ist das Stilmittel doch deutlich zu erkennen.

Dem Tod des Arztes geht eine Unterhaltung ĂŒber Hume, einen schottischen Philosophen, voraus (Z.9). Dieses GesprĂ€chsthema ist nicht zufĂ€llig gewĂ€hlt. Hume vertritt in seiner Ethik eine Ansicht, die gerade in Verbindung mit dem LebensgefĂŒhl des Expressionismus bedeutsam wird: Er hĂ€lt die selbstlose RĂŒcksichtnahme auf das allgemeine Wohlergehen der Gesellschaft fĂŒr das höchste ethische und moralische Gut. Das Denken vieler Schriftsteller im Expressionismus war jedoch geprĂ€gt von der Angst des Verlustes des Wohlergehens des einzelnen Menschen in der Massengesellschaft. FĂŒr sie verlor der Mensch mehr und mehr seine IdentitĂ€t in einer Umwelt, die z.B. menschliche Arbeiter durch Maschinen ersetzte und ihnen so Sinn und Selbstbewusstsein nahm. Es herrschte eine weit verbreitete Untergangsstimmung. Vielleicht ist es gerade diese, die mit dem Tod des Arztes ausgedrĂŒckt wird. Derjenige, der sich mit Humes Philosophie, also mit AnsĂ€tzen zur Verbesserung der gesellschaftlichen Situation beschĂ€ftigt, wird von einem Irren, der den Untergang symbolisiert, umgebracht und mit ihm stirbt auch ein StĂŒck der großen Hoffnung auf VerĂ€nderung.

Die letzte Strophe beginnt erneut mit einem antithetischen Blitzlicht. Auf die Beschreibung des toten Menschen folgt der Vers: “Der Haufen Irre schaut vergnĂŒgt...“ (Z.12) Das Wort vergnĂŒgt wird normalerweise positiv assoziiert. Vor dem Hintergrund des vorausgegangenen Mordes entfaltet das VergnĂŒgen jedoch eine vollkommen gegensĂ€tzliche Wirkung und wirkt ironisch und boshaft. Das kurze Aufblitzen positiver AusdrĂŒcke, die dann jedoch sofort wieder in die alte NegativitĂ€t zurĂŒckfallen, könnte Stillstand und Hoffnungslosigkeit symbolisieren. Optimismus erweist sich als fehl am Platze, da der Untergang nicht aufzuhalten ist. Das Gedicht endet mit den Versen: “Doch bald enthuschen sie, da fern die Peitsche knallt, den MĂ€usen gleich, die in die Erde krochen.“ (Z. 12-14) Die Irren ziehen sich zurĂŒck, wie MĂ€use sich in ihre Löcher zurĂŒckziehen. Dieser Vergleich unterstreicht, wie unĂŒbersichtlich und vielleicht auch spannungsgeladen sich die Situation fĂŒr die Menschen im Expressionismus darstellte. MĂ€use sind in ihren Löchern nicht zu sehen und trotzdem sind sie da und können jeder Zeit unerwartet auftauchen. Genau so ist es mit der erwarteten Apokalypse.

 

Gedichtvergleich:

 AuffĂ€llig ist, dass beide Gedichte, obwohl sie aus zwei unterschiedlichen Literaturepochen stammen und ihr Entstehungszeitpunkt 273 Jahre auseinander liegt, sich mit Ă€hnlichen Sorgen und Gedanken der Menschen auseinandersetzen. In beiden Gedichten stehen VergĂ€nglichkeit und Verfall im Vordergrund. Beide Gedichte bringen menschliches Leiden zum Ausdruck, wobei die GrĂŒnde fĂŒr die Ängste, Leiden und Sorgen , die in den Gedichten zur Sprache kommen unterschiedlichen Ursprungs sind. Das Leid, mit dem die Menschen zur Zeit des Barock konfrontiert waren, war konkret körperlich erfahrbar. Der Hunger, der Krieg, die Krankheiten, alles das fĂŒhrte den Menschen ihre VergĂ€nglichkeit und die UnbestĂ€ndigkeit ihrer Werke unmittelbar vor Augen. Die Krise, in der sich die Literaten im Expressionismus befanden hatte zunĂ€chst weniger mit konkreter physischer Betroffenheit, als vielmehr mit psychischer Unsicherheit zu tun. Die Expressionisten fĂŒhlten sich Überlaufen von gesellschaftlichen Entwicklungen, die sie nicht mehr zu ĂŒberblicken in der Lage waren und die sie Ă€ngstigten. Gemein ist den Menschen aus beiden Epochen jedoch, dass sie mit Kriegen konfrontiert waren. Dem DreißigjĂ€hrige Krieg im Barock (1618- 1648) und der Ersten Weltkrieg (1914- 1918). Beide Kriege haben die Themen und lyrische Gestaltung der Gedichte nachhaltig beeinflusst.

 

Konkret sind an beiden Gedichten folgende Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzustellen: Bei dem Gedicht „Menschliches Elende“ handelt es sich um ein Sonett. Heym hat „Die Irren“ auch in 14 Zeilen verfasst, jedoch durch ein verĂ€ndertes Reimschema das Ronsard- Sonett leicht abgewandelt. Beiden Werken ist die ausgeprĂ€gte Metaphorik gemein. WĂ€hrend die Metaphern bei Gryphius relativ leicht zu verstehen und ihre Ausdrucksabsicht klar zu erkennen ist („abgebrandte Kerzen“ und „verschmeltzter Schnee“ fĂŒr VergĂ€nglichkeit und Tod), werden die Metaphern bei Georg Heym zu Chiffren, die dem Leser ihre genaue Bedeutung sehr viel schwerer preisgeben. Besonders die Farbsymbolik (gelbe Wolkenwand) kann nicht eindeutig aufgelöst werden. Bei ihrer Deutung bleibt es bei Versuch und Spekulation. Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied der Lyrik beider Epochen: Die Barockdichter perfektionierten vorgegebene Stilmittel (Martin Opitz: Buch der deutschen Poetery), die Expressionisten setzten auf RegeldurchbrĂŒche, radikale VerschlĂŒsselungen und erschreckende Genauigkeit in der Darstellung (Ästhetik des HĂ€sslichen).

So findet sich im Gedicht „Menschliches Elende“ trotz des permanenten Sprechens von Tod und Verfall keine direkte Darstellung des Todes oder eines Toten. Heym stellt die Apokalypse dagegen sehr konkret in Bildern dar („Er liegt im Blut. Sein SchĂ€del ist zerbrochen“).

In beiden Gedichten unterscheidet sich auch die Art des Herantretens an den Leser. Gryphius spricht den Leser direkt durch ein lyrisches Ich an. Georg Heym verzichtet auf ein lyrisches Ich. Der Leser wird zum Betrachter von Szenen und Geschehnissen ohne direkt einbezogen zu werden.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass beide Gedichte wichtige Stilmittel ihrer Epochen enthalten. Der Vergleich eröffnet den Blick fĂŒr die Unterschiedlichkeit des lyrischen Schaffens im Laufe der Zeit. Trotzdem sind neben den zahlreichen Unterschieden auch Gemeinsamkeiten feststellbar, die zeigen, dass die Themen, welche die Dichter im Verlauf der Literaturgeschichte beschĂ€ftigt haben, und deren lyrische Verarbeitung zum Teil durchaus Ă€hnlich waren

 

PDF DruckFriedemann Adler © - Grundkurs GBE 2005   

                                                                                                                                                   

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