“... Lesen schadet den Augen! ”

      Aufsatzthema in der  Mittelstufe Kl. 8  - Wir untersuchen und deuten ein  Gedicht: 

           

        Theodor Storm (1817 – 1888)

        Herbst (1)

         

        Schon ins Land der Pyramiden

        Flohn die Störche ĂŒbers Meer;

        Schwalbenflug ist lÀngst geschieden,

        Auch die Lerche singt nicht mehr.

         

        Seufzend in geheimer Klage

        Streift der Wind das letzte GrĂŒn;

        Und die sĂŒĂŸen Sommertage,

        Ach, sie sind dahin, dahin!

         

        Nebel hat den Wald verschlungen.

        Der dein stillstes GlĂŒck gesehn;

        Ganz in Duft und DĂ€mmerungen

        Will die schöne Welt vergehn.

         

        Nur noch einmal bricht die Sonne

        Unaufhaltsam durch den Duft,

        Und ein Strahl der alten Wonne

        Rieselt ĂŒber Tal und Kluft.

         

        Und es leuchten Wald und Heide,

        Dass man sicher glauben mag,

        Hinter allem Winterleide

        Lieg‘ ein ferner FrĂŒhlingstag.

                                                                          (1845)

 

In dem Gedicht „Herbst“ von Theodor Storm kommt der Herbst vor. Der Sommer ist vorbei und die Vögel sind in schon den viel wĂ€rmeren SĂŒden gezogen, sodass in den schon recht kahlen BĂ€umen kein Vogel-gezwitscher mehr zu hören ist. Der Wind streift durch die fast  kahlen BĂ€ume, die im Nebel versinken. Die Sonne kommt nur noch sein letztes Mal hinter den dichten Wolken hervor und taucht alles in ihr warmes Licht. Sie erinnert so noch einmal an die vergangenen Sommertage. In diesem Sonnenschein leuchten die bunten BlĂ€tter der BĂ€ume und die Heide. Zuerst ist das lyrische Ich traurig, dass der Sommer vorbei und nun der Herbst da ist. Es trauert den warmen Sommertagen nach, an denen es so viel Spaß gehabt hat. Doch zum Schluss, als BlĂ€tter und Heide im Sonnenschein leuchten, lĂ€sst es sich trösten und es versteht, dass nach dem kalten und beschwerlichen Winter auch wieder der FrĂŒhling folgen wird. Es sieht ein, dass dies der Kreislauf der Natur ist, den  es nicht beeinflussen kann, und dass es keinen Grund gibt, traurig zu sein.

Viele daher in diesem Gedicht verwendete Begriffe stammen aus der Natur. In der fĂŒnften Verszeile befindet sich eine  Vermenschlichung (Personifikation).  Dort seufzt und klagt der Wind. Auch in Zeile 9 und 10  sind Personifikationen. Der Nebel verschlingt den Wald und sieht, was er ĂŒberhaupt nicht kann, das GlĂŒck. Auch in Zeile 13 und 16 sind Personifikationen. Die Sonne bricht und ihre Strahlen rieseln. Die letzte Personifikation befindet sich in der 17 Zeile, in der Wald und Heide leuchten. Dieser Text arbeitet mit sehr vielen Vermenschlichungen; er klingt wenig vertrĂ€umt und wirkt sehr realitĂ€tsnah.

Das Gedicht hat fĂŒnf Strophen mit jeweils vier Verszeilen. Das gesamte Gedicht besitzt also 20 Zeilen. Das Reimschema  ist   a - b - a - b.  Es handelt sich hierbei also um einen Kreuzreim (Wechselreim). In der jeweils ersten und dritten Verszeile jeder Strophe  befindet sich ein vierhebiger Faller mit fehlender Senkung, der Versausgang ist hier also weiblich klingend. In der zweiten und vierten Verszeile  handelt es sich um einen vierhebigen Faller mit fehlender Senkung, der Versausgang ist hier also mĂ€nnlich stumpf.

Dieses Gedicht zĂ€hlt sowohl zu dem Motivkreis Herbstgedichte wie auch zu dem der Naturgedichte. Der Dichter „beschreibt“ diesen Herbst sehr sachlich, so dass man sich die Zeit gut vorstellen kann. Ich kenne kein mit diesem Gedicht vergleichbares Gedicht, da der Dichter sehr genau die VorgĂ€nge in der Natur beschreibt, kaum jedoch seine eigenen GefĂŒhle und Gedanken. Der Autor Theodor Storm lebte von 1817 - 1888. Er starb also im Alter von 71 Jahren und gehört der Epoche der Romantiker an. Obwohl das Gedicht gut hundert Jahre alt ist, ist es gut verstĂ€ndlich und wirkt modern. Die benutzten Wörter klingen nicht altertĂŒmlich.

      

     Lehrerkritik:

     Die Vögel werden genau benannt.

    1. Textbezogener formulieren: „
 die vom Nebel verschlungen werden”. Die Personifikation verdeutlicht die gewaltsame Feindseligkeit in der Natur.
    2. Der „Wald“, nicht der Nebel hat „das stillste GlĂŒck gesehen“.
    3. „Ach, sie (= die Sommertage) sind dahin!“ Das ist ein Seufzer des Sprechers.
    4. Es fehlt der Hinweis auf Texte, die im Unterricht besprochen wurden.
    5. Storm gehört nicht zu der Epoche, die wir „Romantik“ nennen; das kannst du noch nicht wissen. Du meinst die schöne AtmosphĂ€re des Gedichtes. Und das ist nicht verkehrt.

                           Deine Arbeit ĂŒberzeugt stilistisch. Deshalb auch die Note „gut“.

           

  • PDF Druck                                                                                    Beatrix Glatzel © - GBE  Kl. 8/ 1995
  •  

> Herbstgedichte

> Werkstattarbeit Herbst I