“... Lesen schadet den Augen! ”

 

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                                            Thema: Lyrik der Romantik

                      Gedichtvergleich: Nachtlied – Morgengebet (Eichendorff)

 

Aufgabenstellung:

Analysieren und interpretieren Sie das vorliegende Gedicht Joseph Eichendorffs („Nachtlied“) nach Inhalt und Form!

Vergleichen Sie es anschließend mit dem zweiten Eichendorff - Gedicht „Morgengebet“!

Erläutern Sie, worin der Reiz einer Auseinandersetzung mit der Lyrik eines romantischen Dichters heute noch bestehen kann!

 

Joseph von Eichendorff ( 1788 – 1857)

Nachtlied

Vergangen ist der lichte Tag,

Von ferne kommt der Glocken Schlag;

So reist die Zeit die ganze Nacht,

Nimmt manchen mit, der's nicht gedacht.

 

Wo ist nun hin die bunte Lust,

Des Freundes Trost und treue Brust,

Des Weibes süßer Augenschein?

Will keiner mit mir munter sein?

 

Da's nun so stille auf der Welt,

Ziehn Wolken einsam übers Feld,

Und Feld und Baum besprechen sich. -

O Menschenkind! Was schauert dich?

 

Wie weit die falsche Weh auch sei,

Bleibt mir doch einer nur getreu,

Der mit mir weint, der mit mir wacht,

Wenn ich nur recht an ihn gedacht.

 

Frisch auf denn, liebe Nachtigall,

Du Wasserfall mit hellem Schall!

Gott loben wollen wir vereint,

Bis dass der lichte Morgen scheint!

 

 

Das Gedicht „Nachtlied“ von Joseph Freiherr von Eichendorff, veröffentlicht im Jahre 1815 und der Epoche der Romantik zugehörig, handelt vom Einbruch der Nacht und deren Wirkung auf das menschliche Befinden, von der Natur und dem Verhältnis zwischen Mensch und Gott.

Der Text besteht aus fünf Strophen zu je vier Versen, ist metrisch aus 4-hebigen Jamben aufgebaut, die stets auf eine männliche Kadenz enden und weist einen Paarreim nach dem Schema  a a b b   auf. 

Der einfache, regelmäßige Aufbau, die vierzeiligen Strophen, durchweg im Zeilenstil geschrieben, lassen formal auf ein Volkslied schließen, doch finden sich auch Elemente der romantischen Stimmungslyrik

In der ersten Strophe (vgl. Vers 1 – 4)  vollzieht sich der Beginn der Nacht, der „lichte Tag“ (V. 1), positiv konnotiert, ist vorüber. „Der Glocken Schlag“ (V. 2) verleiht dem Gedicht schon hier religiöse Anklänge, steht aber auch für den christlichen Glauben innerhalb der Zivilisation und stellt, da er aus der Ferne zu hören ist, heraus, dass sich das lyrische Ich in der Natur befindet. Die Nacht erscheint zunächst eher negativ besetzt, steht in Zusammenhang mit dem Tod und der Vergänglichkeit: Die personifizierte Zeit, sie „reist (…) die ganze Nacht“ (V. 3), „nimmt manchen mit, ders nicht gedacht“ (V. 4); der Mensch „verschwindet“ in der Nacht und aus dem Leben - ein Todesmotiv.

In der zweiten Strophe tritt das lyrische Ich klarer hervor, es fragt, wohin „die  bunte Lust/ des Freundes Trost und treue Brust“ (V. 5/6) sei, ein Bedürfnis nach Beistand und Freude wird spürbar, es stellt die Frage, ob keiner mit ihm munter sein wolle (vgl. V.8). Die Nacht, so zeigen die Empfindungen des lyrischen Ichs, bringt Verlassenheit, sie stimmt die Menschen verdrießlich, mit Ausnahme des lyrischen Sprechers. Es vermittelt dem Leser in der folgenden Strophe (vgl. V. 9-12) eine Darstellung personifizierter Naturerscheinungen, eingefärbt von seinem subjektiven Empfinden der Stille und Einsamkeit. So „ziehen Wolken einem übers Feld“ (V.9) und „Feld und Baum“ (V. 11), stark vermenschlicht, „besprechen “ (V.11), wovor der Mensch sich fürchtet. (Vielleicht auch Selbstansprache: Der Sprecher fürchtet sich angesichts der Harmonie, die innerhalb der Natur zu beobachten ist, da er nicht eingeschlossen ist – We)

In der sich anschließenden  vierten Strophe (vgl. V. 13 – 16)  werden religiöse Bezüge erkennbar: Das lyrische Ich, das sich fernab der „falschen Welt“ (V. 13), der eingangs erwähnten Zivilisation, also in der Natur befindet, besitzt nur „Eine(n)“ (V. 14), der ihm Nähe und emotionalen Beistand spendet, wenn es nur an ihn glaubt, „recht an ihn gedacht“ (V. 16). Gemeint ist an dieser Stelle zweifellos Gott (V. 17 – 20).

So spricht das lyrische Ich in der letzten Strophe die Natur direkt an, etwa die „Nachtigall“ (V.15) als „Wasserfall mit hellem Schall“ (V. 17) und fordert sie auf, gemeinsam „Gott (mit zu) loben“ (V. 17). Es häufen sich positiv behaftete Adjektive wie „lieb“, „hell“, „vereint“ und „licht“ (vgl. V. 17-20).  Der vom lyrischen Ich ersehnte Zustand, den es betend herbeisehnt, ist der „lichte Morgen“ (V.20), ein Kontrast zur dunklen Nacht, in der es ausharrt. Gleichzeitig ist die frühe Tageszeit als ein Symbol der Auferstehung aufzufassen. der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod.

Zentral für das Gedicht wird somit eine christlich – religiöse Komponente, die in vielen romantischen Gedichten vorzufinden ist: Das lyrische Ich sucht Gottes Schutz und Beistand in der Hinwendung zur Natur, von der als Teil der göttlichen Schöpfung auch in der furchterregenden Nacht keine Bedrohung ausgeht. Dies drückt sich vor allem in der Frage aus, im Selbstgespräch des inne haltenden Sprechers, der erkennt, dass er sich anders orientieren muss: „O Menschenkind! Was schauert dich?“ (V. 12). Die Nacht stelle keine Gefahr dar, sondern nehme den Menschen auch in dunklen Zeiten auf, als ein Zufluchtsort, der der „falschen Welt“ (V. 13), nämlich der zivilisierten, gegenüberstehe. In ihr liegen die Möglichkeit zu einem engen, fühlbaren Gottesverhältnis, das die Aussicht auf ein ewiges Leben bereithalte, die empfundene Angst und Bedrohung im Diesseits auszuhalten.

2.)  Vergleich:

 

Joseph von Eichendorff  (1788  - 1857)

Morgengebet

 

O wunderbares, tiefes Schweigen,

Wie einsam ist's noch auf der Welt!

Die Wälder nur sich leise neigen,

Als ging' der Herr durchs stille Feld.

 

Ich fühl' mich recht wie neu geschaffen,

Wo ist die Sorge nun und Not?   

Was mich noch gestern wollt' erschlaffen,

Ich schäm' mich des im Morgenrot.

 

Die Welt mit ihrem Gram und Glücke

Will ich, ein Pilger, frohbereit

Betreten nur wie eine Brücke

Zu Dir, Herr, übern Strom der Zeit.

 

Und buhlt mein Lied, auf Weltgunst lauernd,

Um schnöden Sold der Eitelkeit:

Zerschlag' mein Saitenspiel, und schauernd

Schweig' ich vor Dir in Ewigkeit.

 

Einige thematische Parallelen finden sich in Eichendorffs Gedicht „Morgengebet“ aus dem Jahr 1814, dass wie eine Ergänzung bzw. Fortsetzung vom „Nachtlied“ erscheint. Die Zusammengehörigkeit teilt sich bereits über den Titel mit: Auf die Nacht folgt der Morgen; Lied und Gebet sind als Formen des Lobpreisung fest im Religiösen verwurzelt.

Beide Gedichte sind metrisch aus 4-hebigen Jamben gebildet. Während im „Nachtlied“ ausschließlich männliche Kadenzen, einen Paarreim sowie fünf vierzeilige Strophen aufweist, finden sich im „Morgengebet“ ausschließlich weiblich und männliche Ausgänge, ein Kreuzreim und nur vier Strophen, jedoch ebenfalls vierzeilig, einer Volksliedstrophe entsprechend.

Stille und Andacht zeichnen sich in der ersten Strophe von „Morgengebet“ ab (vgl. V. 1-4), die den Anbruch des Tages atmosphärisch veranschaulicht; es herrscht eine Stimmung, „als ging’ der Herr durchs stille Feld“ (V.4); das lyrische Ich fühlt Gottes Gegenwart in der Natur. Das religiöse Moment in der ersten Strophe von „Nachtlied“, „der Glocken Schlag“ (V. 2), stammt hingegen aus der Stadt, die dem lyrischen Ich fern liegt.

Die zweite Strophe von „Morgengebet“ steht im Lichte von Wiederaufbau und Neubeginn, das lyrische Ich empfindet sich selbst „wie neu geschaffen“ (V.5), jeder Kummer scheint ihm fremd. Es gerät in eine Aufbruchstimmung, wie  in der dritten Strophe deutlich wird, sieht das Leben als eine „Brücke“ (V.11), die es überqueren will, um zu Gott zu gelangen (vgl. V.12).

Hier lässt sich eine entscheidende Verbindung zum „Nachtlied“ erkennen. Die tiefchristliche Auffassung, das irdische Leben sei lediglich der Übergang zu einer höheren Existenz, ist in beiden Gedichten bestimmend. Im „Nachtlied“ wirkt das Leben wie ein Jammertal, vor dem sich das lyrische Ich in die Natur flüchtet und im Vertrauen  auf  Gott auf eine bessere Zeit, auf einen  Zustand hofft, dem der lyrische Sprecher im „Morgengebet“ schon wieder näher gekommen zu sein scheint. Beide suche sie letztendlich das ewige Leben, welchem jeweils die  Vergänglichkeit in Form der ablaufenden Zeit kontrastierend gegenübergestellt wird, die die lyrischen Subjekte überwinden wollen: „So reist die  Zeit“ (V.3) heißt es in der ersten Strophe vom Gedicht „Nachtlied“; im „Morgengebet“ ist hingegen vom „Strom der Zeit“ (V.12) die Rede.

Das Ausharren im Diesseitigen und die Erwartung des Jenseitigen, Unendlichen – das sind gemeinsame inhaltliche Schwerpunkte beider Gedichte.

 

3.) Erläuterung:

Die besondere Religiosität der Romantiker, die die Geheimnisse der Schöpfung und eine Art Anleitung zum rechten Leben in der Entschlüsselung der Natur, ihr Spannungsverhältnis zu etwas Höherem, Jenseitigen, das mit dem geduldigen Ertragen des Hier und Jetzt verbunden ist, spricht in heutiger Zeit sicherlich nicht mehr jeden an und mag manchen sogar fremd und naiv erscheinen.

Andere, in der romantischen Lyrik häufig wiederkehrende Inhalte, die insbesondere das menschliche Gefühlsleben, etwa die Liebe und das Unglück, welches sie dem Einzelnen bringen kann, betreffen, können den Leser aber nach wie vor erregen und bereichern, obgleich sie nicht selten „mystifiziert“ werden und durch das z.T. irrationale Geschehen, das dargestellt wird, wenig zeitgemäß wirken. Entscheiden ist stets die tiefere Textebene. Sieht man von inhaltlichen  Fragen weitgehend ab, kann die romantische Lyrik heutzutage vor allem ästhetischen Genuss bescheren, da sie - entgegen der weit verbreiteten Ansicht, in der Romantik dominiere formal ausschließlich das Zufällige - in Sprache und Struktur sehr kunstvoll aufgebaut ist.

                                        Daniel Hinrichsmeyer ©  GBE Jg. 12/ 2008 (Wiese)

Bewertung:

In sprachlich angemessener Form und recht komprimiert werden unter  Nr. 1 und 2 die wesentliche  Aspekte erarbeitet. Allerdings hätten Sie auf einzelne inhaltliche Besonderheiten des zweiten Gedichts noch genauer eingehen können. Der Sänger- bzw. Künstleraspekt kommt zu kurz.  Unter Nr. 3 bieten Sie knappe, aber gehaltvolle Ausführungen.

                                                                       13 Punkte  (We)

                                            

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